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J+S-Lager: Mehr als Sport

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J+S-Lager (1/1) – Mehr als Sport Praxisnah und informativ: der Podcast von Jugend+Sport (I) HOST: Welche Erinnerungen hast du an Sportlager in deiner Jugend? Quote 1: Das Beste am Lager war die Möglichkeit mit [anderen] Menschen zusammen zu sein und neue Personen kennen zu lernen. Quote 2: Der Parcours anlässlich der Lager-Olympiade … Quote 1: Die Möglichkeit, verschiedene Sportarten zu betreiben … Quote 3: Das Wärmen im Kreis um das Lagerfeuer … Quote 4: Ich bin stolz, dass ich als Kleinster bei den Grossen mitmachen durfte … Quote 5: Ich empfand Heimweh, es hat mir jedoch zusehend geholfen mit Santiago in einem Zimmer zu sein. HOST: Herzlich willkommen liebe Zuhörerinnen und Zuhörer zur ersten Episode der Podcast-Reihe Jugend+Sport Lager. Wir kommen heute hier zusammen, um gemeinsam in die faszinierende Welt der Jugend+Sport Lager einzutauchen und euch wertvolle Einblicke in diese zu gewähren, welche eigentlich weit über das rein Sportliche hinaus gehen. Gemeinsam untersuchen wir die Frage, warum Jugend+Sport Lager häufig den Höhepunkt einer Saison oder eines Schuljahres darstellen […] und gehen der Frage nach, warum gerade Jugend+Sport Lager sich als so wertvoll und einzigartig erweisen […] und was genau diese so prägend machen. Wie können wir Lager erfolgreich gestalten? Hierzu möchte ich mit Expertinnen und Experten aus der Praxis und der Wissenschaft sprechen. Ich freue mich euch auf eine Reise durch die Lagerwelt zu nehmen. Mein Name ist Tobias Baumberger. Ich bin der Leiter Ausbildung der J+S Outdoor Sportarten des Bundesamtes für Jugend+Sport. Heute findet sich bei mir im Studio Franziska Abegglen ein. Sie ist J+S Ruder-Leiterin und erfahrene Lagerleiterin. Sie wird euch einen Einblick in die Praxis geben. Herzlich willkommen Franziska. FA: Herzlichen Dank, ich freue mich hier sein zu dürfen. Host: Du hast in deinem Sport schon des Öfteren Lager organisiert. Was stellt für dich ein Highlight in all diesen Lagern dar? FA: Für mich gibt es zahlreiche Highlights, welche sich im Laufe dieser Lager ereigneten, […] sei dies nun ein Lager auf dem Wasser oder zum Beispiel auf den Langlaufskis, welches für uns eine nicht sehr Sportart nahe Aktivität darstellt. […] Immer wieder erweist es sich als sehr spannend [zu verfolgen], wie in einem Lager die Gruppe zusammenwirkt. Manchmal kennen sich die Teilnehmer schon im Voraus, manchmal gar nicht … und sie wachsen zu einer Lagergemeinschaft zusammen, entwickeln zahlreiche coole Ideen, gerade auch im Anbetracht des ihnen gewährten Raumes diese umzusetzen, sich dafür zu engagieren, ihr eigenes Lager zu gestalten. Host: Warum hast du Lager organisiert oder allgemein, wie bist du dazu gekommen, Lager zu organisieren? Was war deine Motivation hierzu gewesen? FA: Meine ersten Lager konnte ich ehrlich gesagt gar nicht in meiner eigenen Sportart durchführen, weil dies für unseren Verein damals gar kein Thema war, sondern habe mithelfen können, Lager für junge Auslandsschweizerinnen und Auslandsschweizer zu leiten […] ganz viele Lager habe ich dort so geführt […] und meine Motivation war es immer schon gewesen, etwas Cooles mit den Jugendlichen zu machen […] ihnen auch die Freiheit zu geben, ihr eigenes Lager mitzugestalten und so ganz viele Erlebnisse mit nach Hause zu nehmen, welche sie sonst nicht erfahren hätten. Und danach, schlussendlich, auch im Rahmen des Vereins, […] wie alsbald die Organisation von Lagern zu einem Thema wurde, war es meine Motivation, den Jugendlichen etwas Besonderes zu bieten, um ihnen als Ergänzung zum normalen Trainingsbetrieb ein cooles Trainingslager oder eben auch ein cooles Langlauflager zu bieten, […] um gemeinsam auch Dinge zu erleben, welche wir an einem Mittwochabend von 18 Uhr bis 20 Uhr nicht erfahren konnten. Host: Kannst du für mich den folgenden Satz beenden? In den Lagern lernen Kinder und Jugendliche … FA: … ganz, ganz viel Wertvolles für ihr Leben kennen. Host: Und die Bundesrätin und Sportministerin Viola Amherd bezeichnet diese Lager als eine Form der Lebensschule. Host: Um genau diesem Geheimnis der Lagerwirkung nach zu gehen, haben wir Laura Dapp getroffen. Sie arbeitet als Entwicklungspsychologin an der Universität Konstanz. Auch ihr haben wir genau dieselbe Frage nach der Lernerfahrung der Kinder und Jugendlichen im Verlaufe der Lager gestellt. LD: Ja, natürlich ganz Vieles […] ein Lager bietet eine ganz grosse Vielfalt an Lernmöglichkeiten. Zusätzlich der spezifischen Fähigkeiten, welche im Rahmen eines Lagers ausgebildet werden sollen, stellt ein solches auch eine grosse Chance dar, Verantwortung zu übernehmen […] und dies sowohl für sich selbst wie auch für andere. Es gibt eine Vielfalt an Studien, welche darauf hinweisen, dass Lager einen positiven Effekt auf die sozialen Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen haben können. Sie lernen dort von morgen früh bis abends spät, wie sich ihr Verhalten für ihre Mitmenschen auswirkt und wie wichtig dieser Zusammenhalt für die Solidarität in der Gruppe sein kann. In diesem Sinne kann ich der Aussage von Frau Amherd vollständig zustimmen, dass die Lager einen wichtigen Beitrag zu der Schule des Lebens leisten können. Host: Franziska, Laura spricht davon, wie Kinder [innerhalb eines Lagers] lernen, Verantwortung für sich selber wie auch für andere zu übernehmen. Kannst du uns hierzu ein Beispiel aus deinen eigenen Lagererfahrungen mitteilen und somit genauer veranschaulichen? FA: Was mir dazu einfällt ist der Moment, als wir im Verlaufe eines Langlauflager irgendwann gemeinsam entschieden haben, die Ämter nicht mehr so zuzuteilen, wer an welchem Tag für das Tischdecken, das Abwaschen, den Boden wischen oder das WC oder die Dusche reinigen zuständig sei, sondern die Organisation dafür von den Jugendlichen selber haben organisieren lassen. Es war sehr interessant zu erkennen, dass wir gewohnt waren zu sagen, ihr seid für das Abwaschen verantwortlich, ihr müsst das WC putzen etc. und dann wurde halt die Nase gerümpft, was wir ja alle kennen. Lustigerweise jedoch entschieden sie sich, alle Ämter gemeinsam auszuführen, das heisst folglich, dass jeder jeden Tag jedes Amt machte. Es gab eine Riesenparty, in der Küche wurde beim Abwaschen gesungen … es hatte eigentlich nicht genügend Platz für alle in dieser Küche, es war ihnen jedoch wichtig, immer alles zusammen zu machen und dies entwickelte sich dann täglich wirklich zu einem grossen Gruppenerlebnis. Host: Ich habe eben Laura gefragt, wieso ein Lager ebensolchen Effekt haben kann. Wir hören ihr hierzu noch einmal zu. LD: Der grösste Unterschied ist ganz offensichtlich die Tatsache, dass ein Lager die vollen 24 Stunden eines Tages umfasst und damit auch alle täglichen Aktivitäten angefangen mit dem Morgenessen bis hin zur Vorbereitung für das Schlafen beinhaltet. Dies bringt mit sich ganz andere Herausforderungen, die zu meistern sind und gleichzeitig ermöglicht ein Lager ein gänzlich unterschiedliches Ausmass und eine gänzlich verschiedene Qualität der Interaktionen. Dies zum einen zwischen Gleichaltrigen, wo davon auszugehen ist, dass ein solches intensives Zusammen-Leben, man möchte auch sagen Zusammen-Erleben, über mehrere Tage den Team Spirit (Mannschaftsgeist) völlig anders beeinflussen kann als einzelne Training Sessions, zum anderen halten einige Studien fest, dass Interaktionen zwischen Lagerteilnehmer und Lagerleitenden entscheidend sind. Hier zeigt sich zum Beispiel, dass die soziale und emotionale Unterstützung, welchen Kindern und Jugendlichen durch die Leitenden zuteilwerden, einen wichtigen Einfluss auf die Persönlichkeits-Entwicklung im Rahmen eines solchen Lagers haben können. Host: Wir haben von Laura Dapp erfahren, wie das Setting in einem Lager mit gemeinsam verbrachten 24 Stunden am Tage ein erfolgreiches Lager ausmachen. In deinen Lagern, [Franziska], wie lässt sich dies beobachten, wenn Kinder und Jugendliche zusammen mit ihren Leiterinnen und Leitern ebendiese 24 Stunden am Tage miteinander verbringen und dies auch ohne ihre Eltern? Was gibt es hierzu zu beobachten? FA: Ja, man kann natürlich viel mehr Aspekte beobachten als dies während des Trainings der Fall ist. Wenn Kinder und Jugendliche ins Training kommen und danach wieder nach Hause gehen, fallen Aspekte wie die Ordnung halten oder das Zusammenleben, was das Wie-man-zusammen-an-einem-Tisch-sitzt betrifft, weg. Zum Beispiel haben sie so gemeinsam entschieden, dass Handys am Tisch keinen Platz haben. Dies ist so viel einfacher, als wenn der Leiter oder zuhause die Eltern verlauten lassen, dass ein Handy nicht an den Tisch gehöre. Es ergab sich folglich ein Handy Turm, ein Aufeinander-Legen aller Geräte zu einem Getürm … und so konnten sie ihr gemeinsames Mittag- oder Abendessen wirklich geniessen, ohne dass auch nur irgendein Teilnehmer irgendwelche SMS verschickte. Oder aber auch zum Beispiel was die Nachtruhe betrifft, gibt es diejenigen, welche bald einmal bekennen, früher zu Bett gehen zu wünschen und solche die denken, Schlafen sei nicht angesagt … und auch hier ist die Gruppendynamik äusserst spannend zu verfolgen, wie sie sich dazu organisieren. Als leitende Person ist es zudem spannend zu beobachten, ob je nachdem mehr oder weniger Regeln gegeben werden. So entwickelt sich das in der Gruppendynamik und es zeigt sich, wer jetzt mehr oder weniger durch die Regeln betroffen ist. Hier muss man manchmal ein wenig eingreifen … ich habe jedoch im Verlaufe der Lager hervorragende Erfahrungen damit gemacht, den Teilnehmern ihren Freiraum zu gewähren, so dass sie sich selbstständig arrangieren können. Dies erscheint mir extrem wertvoll. Host: Grundsätzlich hat bei Jugend+Sport hat die Förderung der Kinder und Jugendlichen einen hohen Stellenwert. Auch werden Jugend+Sport Leiterinnen und Leiter während der Ausbildung wertvolle Mittel mit auf den Weg gegeben, damit sie so Kinder und Jugendliche ganzheitlich unterstützen und fördern können. Mehr dazu hören wir jetzt von Andreas Steinegger. Er ist der Leiter der Abteilung Jugend+Sport Ausbildung. Ich habe ihm die Frage danach gestellt, warum diese Förderung von Kindern und Jugendlichen in der Jugend+Sport Kaderbildung einen so hohen Stellenwert innehat. AS: Je nach der Sportart Vermittlung, welche ja im Sport immer präsent ist, haben wir im Verlauf der Jahre grossen Wert auf ganzheitliche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen gelegt. Unter ganzheitlicher Entwicklung verstehen wir primär die Förderung […] und was fördern wir bei diesen Kindern und Jugendlichen? Da wir ja die persönliche Entwicklung jedes Einzelnen, Beziehungen zu gestalten und auch im Umfeld eines Teams an Stärke zu gewinnen, zu unterstützen wünschen. Ganz wichtig war uns auch, dass gerade diese Aspekte ausserhalb der eigentlichen Sportart vermittelt werden. Unsere neuen Ausbildungsmodelle lassen ganz deutlich erkennen, dass der Fokus auf die Förderung, wie auch die Unterstützung von Kindern und Jugendlichen auf ihrem Weg ins Erwachsenenalter im Mittelpunkt steht. Ich sehe darin einen grossen Stellenwert für unsere Gesellschaft und repräsentiert demzufolge den Auftrag, den wir vom Bund, der ja den gesamten Ressort Jugend+Sport subventioniert, erhalten haben. Host: Franziska, welche Erfahrung hast du mit dem, soeben angesprochenen, Jugend+Sport Ausbildungsmodell machen können? In eurer Aufgabe als Leiterinnen und Leiter von Lagern könnt ihr dieses grundsätzlich direkt anwenden? FA: Natürlich erwägen wir nicht, an diesem oder jenem Tage diese Handlungsempfehlung berücksichtigen zu wollen, sondern erlauben, dass dies eher auf unbewusstem Weg passiert. Klar erscheint jedoch, dass das Training nur einen Teil des Lagers ausmacht, alles rund um das Training ist von enormer Wichtigkeit. Der Wert des Verhaltens miteinander ist in einer Lagergemeinschaft von grösster Bedeutung: Respekt, die Förderung des Team-Geistes und die gegenseitige Rücksichtnahme erweisen sich als ganz zentrale Aspekte gerade in Erwägung dessen, dass alle alleine durch das Training schon stark gefordert sind. Für einige ist mehr Erholung sehr wichtig, während andere noch über mehr Energie verfügen. Hierzu ist der wertvolle Umgang miteinander ein grosses Anliegen. Wir planen die Aktivitäten unabhängig der Trainingseinheit oder des Rahmenprogrammes so, dass die Jugendlichen in allen Aspekten profitieren können, so dass sie auch möglichst viel mitnehmen können. Host: Von Andreas Steinegger wollten wir zusätzlich erfahren, wie er als Leiter der Jugend+Sport Ausbildung die direkte Unterstützung oder Stärkung der persönlichen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen durch die Leiterinnen und Leiter sieht. Hören wir ihm hierzu auch mal zu: AS: Im Rahmen von Lagern habe ich natürlich sehr oft miterleben können, wie man als Jugend+Sport Leiter den Selbstwert der Teilnehmer stärken kann, wenn ihnen herausfordernde Aufgaben zugeteilt werden. Bei mir war dies zum Beispiel im Lager Sportrettung oft der Fall. Wir mussten über einen Zweitage-Marsch ein Ziel anpeilen, selber kochen und dies gemeinsam als Team schaffen. Mit Erreichung dieses Zieles mit allen Misserfolgen, Höhepunkten und der Anerkennung der gemeinsamen Leistung konnten wir schon in jungem Alter stolz auf uns sein … und dies hat merklich zur Steigerung unseres Selbstwertes beigetragen. Das Erfolgserlebnis sich draussen, alleine und ohne die Unterstützung durch Leiter und mithilfe anderer Erwachsener zwei Tage durchgeschlagen zu haben, war riesig. Zusätzlich spielt auch die Förderung der Selbstregulation innerhalb dieser Lager eine zentrale Rolle, gab es doch immer wieder Wettkämpfe, Nacht- und Nummernspiele, Wettbewerbe, Olympiaden und so, worin die Wertschätzung des Gewinnens nicht im Vordergrund stand, musste man doch auch immer lernen, Niederlagen einstecken zu können. Genau dies war äusserst genial, es bedarf an innerer Grösse, verlieren zu lernen und da ich ja nicht immer nur der Erfolgreiche gewesen war, verbleiben mir gerade davon ausgezeichnete Erinnerungen. Host: [Franziska,] Andreas hat uns darüber berichtet, wie beispielsweise Kinder und Jugendliche nach mehrtägiger Wanderung gemeinsam ihr Ziel erreicht haben, … wie sie voller Stolz darüber sein konnten. Gibt es genau solche, herausfordernde Ziele, welche ihr euch steckt und welchen ihr gerade auch mit den Kindern und Jugendlichen nach geht? FA: Unsere Herausforderung lag immer schon darin, dass wir in kleinere Gruppen mit einer Mischung verschiedenster Altersklassen zwischen 12- und 18- bis 20-Jährigen unterwegs waren, welche zusammen auch alle Sportaktivitäten miteinander ausübten. Da kann ich mich speziell auch an einen coolen Foto-Orientierungslauf erinnern, worin es darum ging, auf unterschiedlichste Art und Weise Punkte zu sammeln. Eigentlich alle, unabhängig ihrer Fitness, ob gross oder klein, konnten so ihren Beitrag dazu leisten. Selbst eine besonders heterogene Gruppe vermochte demnach zu glänzen. Da gab es die eine Gruppe mit einigen langlaufschwächeren Jugendlichen, welche in dieser Disziplin nicht gerade herausragend waren, jedoch mithilfe einer cleveren Planung, was das Anlaufen dieser Orientierungslaufposten betraf und wer genau wohin geschickt wurde, ihre vermeidlichen Laufschwächen wettmachen konnten. Trotz markanter Langlauf-Einschränkungen gelang es ihnen so jedoch, viel stärkere Gruppen zu übertrumpfen. Für sie erwies sich der Anlass in vieler Hinsicht, als überaus wertvoll, weil es ihnen auf eine andere Art und Weise gelungen war, ihre Stärken zu zeigen und am Ende zum Gewinn dieses Foto-Orientierungslaufes verhelfen konnte. Dies steht als ein Beispiel für solche, coole Erlebnisse an Anlässen und Weitstreiten, wo aufgrund geschickter Planung und cleverer Auswahl der Trainingsform auch denjenigen ohne grosse Muskelkraft das Glück des Triumphes zusteht. Host: Zur persönlichen Entwicklung und Stärkung eignen sich auf diese Weise Jugend+Sport Lager schon sehr. Wie wir zuvor von Laura Dapp vernommen haben, kann ein Lager speziell in Hinblick auf Gruppen-dynamische Prozesse von grossem Wert sein. Dazu, wie genau eine Gruppe so gestärkt werden kann, hat uns Andreas, der Leiter der Ausbildung Jugend+Sport, ein konkretes Beispiel gemacht: AS: Was ich als besonders schön erachte, nehmen wir zum Beispiel ein Schneesportlager, ausgetragen bei widrigen Verhältnissen: im Gegensatz zu Situationen, wo man mit der Familie ausnahmslos bei schönstem Wetter unterwegs ist, kommt es anlässlich dieser Schneesportlager mit den Leitenden immer wieder vor, auch bei schlechtesten Bedingungen draussen zu sein. Man fuhr in einer Gruppe gemeinsam und die Leitenden konnten den Team-Geist und die Kohäsion innerhalb einer Gruppe stark fördern. Was unweigerlich dazu führte, dass am Ende einer Woche gerade diese Tugenden gestärkt hervorgingen. Man war ein Teil einer Gruppe, nicht einer Klasse, manchmal sogar Klassen-übergreifend und die Leitenden wirkten im Verlaufe einer Woche intensiv innerhalb einer Gruppe … forderten uns ebenso, wie wir gemeinsam viel Spass hatten. So konnte ich vermehrt lernen, wie man sich innerhalb einer Gruppe verhält und was für Erfolge es zu erzielen gab. Gerade wenn es sich nicht um den besten Kollegen handelte, sondern auch sehr diverse Gruppen dies gemeinsam erreichen konnten. Für meine Person habe ich ungemein viel in der Arbeit und durch die Erlebnisse draussen profitieren können. Diese Grundlagen zu erlernen, die Gruppen Kohäsionen in einem herausfordernden Umfeld zu erleben, machten hier den Unterschied. Host: [Franziska,] Welche Rolle spielt das Gruppen-Zusammensein in euren Lagern, […] zeigt sich dies auch später im Training, dass sich etwas Ähnliches in der Dynamik geändert hat? FA: Auf jeden Fall. Insbesondere in Fällen, in welchen eine Gruppe erst vor Kürze geformt wurde, wenn zum Beispiel Jugendliche teilnehmen, die im Vorjahr mit dem Rudertraining angefangen haben, zeigen sich grosse Veränderungen vor und nach dem Trainingslager. In Bezug auf die Positionen innerhalb einer Gruppe, je nachdem, wer welche Rolle innehat und auch wie die Mitglieder miteinander umgehen, ist manchmal völlig unterschiedlich, fällt vielleicht wenig oder gar nicht auf. Häufig kommt es jedoch vor, dass diejenigen etwas Zurückgezogenen, oft noch ausgesprochen Unselbständigen, eine Riesenentwicklung durchmachen. Gerade weil sie in Abwesenheit der Mutter einfach mithalten müssen. Host: Gibt es in der Erfahrung, die du gemacht hast, auch gewisse Aktivitäten, welche allenfalls negative Auswirkungen auf die Kinder und Jugendlichen haben könnten? Möglicherweise etwas schwierige Momente in den Lagern auslösen können? Gab es für euch so etwas auch schon? FA: Ja, auf jeden Fall. Schwierige Momente ereignen sich immer, speziell wenn ein Kind erkrankt oder schwächelt oder nicht will. Manchmal ist da Zurückhaltung angesagt, wenn sie sich nicht wohl fühlen und sie sich zurückhalten, auch in Situation des Heimwehs. Dies kann immer wieder passieren, ist auch in diesem Sinne nichts Tragisches, wichtig ist alleine, damit leben und auskommen zu lernen. In solchen Situationen wird es vor allem für die ganze Gruppe bedeutsam zu lernen, nicht auf den Einzelnen, den Schwächelnden zu zeigen, ihn ausschliessen zu wollen, sondern vielmehr sich in Zusammenhalt zu üben. Manchmal fällt dies einfacher und zu anderen Zeiten etwas schwieriger. Als Lagerleiter sind wir ja auch nicht Magier, können und schaffen das, was wir können mit weniger oder grösserem Erfolg. Host: Auf jeden Fall tut man immer das Allerbeste, was man kann. Nebst den Möglichkeiten, die zur Entwicklung von Kindern und Jugendlichen beitragen, kann man die Teilnehmenden, gerade auch im Rahmen von Anlässen über mehrere Tage, sehr intensiv und nachhaltig mit einem Thema beschäftigen, ob mit Relevanz zum Sport oder auch zu ganz verschiedenen Themen. Wir haben Tim Hartmann, Lernpsychologe in Magglingen, gefragt, wieso aus seiner oder aus der Sicht der Lehrpsychologie sich ein Lager lohnen kann. TH: Hier bewährt es sich vorweg, einmal den Augenschein auf die normalen Vereins- oder Sportklubtrainings zu richten, wo vielleicht jeden Montagabend ein solches stattfindet. Insbesondere die Leitbringer und Leiter verstehen nur zu gut, dass sie an einem Abend den Kindern und Jugendlichen etwas unterrichten, sie aber danach erst eine Woche später wiedersehen. Wenn ich diese Kinder und Jugendlichen während dem folgenden Training nach den Aktivitäten und dem Gelernten der Woche zuvor ausfrage, schauen mich alle mit grossen Augen und grossem Unverständnis an. Dieses Phänomen ist in der Psychologie bekannt als die berühmte Kurve des Vergessens, erfunden und erforscht von Herrn Ebbinghaus. Diese Vergessenskurve besagt, dass wenn wir Neues gelernt haben, erfahren wir in den ersten Minuten und Stunden nach einem solchen Lernprozess einen sehr starken Wissensabbruch, wir vergessen also zu Beginn extrem viel. Das Ganze pendelt sich danach auf einem tiefen Niveau wieder ein. Aus der Lernpsychologie halten wir fest, dass mit einer spezifischen Methode diesem Abfall des Wissens entgegenzuwirken ist, dem so genannten Spaced Learning. Spaced Learning steht für ein verteiltes Lernen und die tragende Idee von Spaced Learning ist die stete Wiederholung des Lernstoffes in sich langsam erweiternden Zeitintervallen. Wenn wir uns jetzt diese Faustregel vor Augen führen, dann erkennen wir klar, wie das Lagerformat die perfekte Plattform darstellt, ein ausgerichtetes Spaced Learning durchzuführen. Dies insbesondere so, da ich idealerweise eine Woche lang mit Kindern und Jugendlichen zusammen bin und auf diese Weise den Lernstoff eingehend vertiefen kann. Host: [Franziska,] Was das Lernen betrifft, kannst du gefühlsmässig hierzu einen sichtbaren Unterschied zwischen der Lageratmosphäre und den regulären Aktivitäten bei euch im Rudern erkennen? FA: Ja, definitiv. Am auffälligsten zu beobachten erscheinen mir diese Unterschiede genau dann, wenn ein Grossteil der Gruppe aus einem Trainingslager zurückgekehrt ist und einzelne nicht. In solchen Fällen zeigt es sich extrem, wieviel insbesondere die Teilnehmer in einem Gruppenlager haben profitieren können. Im Rahmen eines Lagers können sich die Teilnehmer ganzheitlich auf das Lernen, sprich auch das Trainieren ihrer Sportart konzentrieren, und dies stellt eine ausgesprochene Ergänzung dar. Während der Woche dominieren die Anforderungen des Alltages so sehr, dass es einer geschlagenen halben Stunde der Ruhe im Boot bedarf, um endlich den Kopf zu leeren. Im Verlauf eines einwöchigen Trainingslagers profitierst du aufgrund der ausschliesslichen Konzentration auf nichts anderes, ausser vielleicht der abendlichen Spiele im Gang, enorm viel mehr. Host: Wir wollten von Tim erfahren, wie man im Rahmen eines Lagers bestmöglich mit diesem Spaced Learning umgeht. TH: Ich würde empfehlen bei der Planung eines Trainingslagers ein oder zwei Elemente in Betracht zu ziehen. Dies können sportliche Elemente sein, aber auch ein Bereich übergreifendes Szenario darstellen, auf welche man sich im Verlaufe der folgenden fünf, sechs, sieben Tage fokussieren und als Schwergewicht konzentrieren möchte. Wichtig ist danach sicherzustellen, dass im Verlaufe eines jeden Tages, idealerweise in jedem Training oder während jeder Aktivität diese stetig wiederholt werden. Hier ist nicht unbedingt ein eigentlicher Drill gewünscht, es ist vielmehr vorteilhaft diese Lernelemente immer wieder neu zu verpacken. Von Bedeutung ist allein, dass dieses Element immer wieder vorkommt. Dies kann durchaus auch ritualisiert sein. Demnach sage ich im Verlaufe von jeder Aktivität, von jedem Training stelle ich somit die letzte Viertelstunde dafür zur Verfügung, an diesem Element zu arbeiten. Aus eigener Erfahrung als Lagerleiter – ich habe mehrere Judolager geführt – erinnere ich mich daran, eine spezifische Kerntechnik ausgedacht zu haben. Diese Kerntechnik haben wir danach über die ganze Woche hinweg immer wiederholt und darauf geachtet, dass innerhalb einer jeden Trainingseinheit immer wieder 10 bis 15 Minuten dafür bereitgestellt wurden, an dieser Technik zu feilen. Dies hat einen völlig unterschiedlichen Lerneffekt im Gegensatz dazu, ihn nur einmal die Woche im Training anzuwenden zu können. Ein für mich bemerkenswertes Erlebnis stellt dar, dass Jahre später, wie ich diesen Kindern - jetzt schon zu Jugendlichen erwachsen – im Verlaufe eines Wettkampfes oder auch anderswo begegnet bin, sie mir mitgeteilt haben, eine bestimmte, damals vor x Jahren im Trainingslager in Tenero angeeignete Technik noch immer anzuwenden, […] sie noch immer intus zu haben. Diese Tatsache alleine erscheint mir als ein wunderbarer Beweis für ein so genanntes Spaced Learning. Host: [Franziska,] Wie steht es um die Planung in euren Lagern? Setzt ihr euch einen speziellen Fokus für diese gemeinsamen Tage oder wie genau plant ihr dies als Leiterinnen und Leiter eines Lagers? FA: Ja, wir setzen immer bestimmte Schwerpunkte. Diese ergeben sich einerseits durch die Saisonplanung und andererseits auch bedingt durch den Trainingsstand der Gruppe, das heisst, wo sie momentan gerade in ihrem Aufbau stehen, […] wo es noch so einiges zu trainieren gibt. Wie wir demnach kurz nach dem Wintertraining und während der Woche aufgrund der nächtlichen Lichtverhältnisse mit noch wenig Zeit auf dem Wasser verbleiben, liegt der Fokus im Frühjahr Trainingslager sicher dabei, gemeinsam im Boot zu rudern, erneut zu einem Team zusammenzuwachsen und das Boot gemeinsam in Bewegung zu bringen. Anlässlich eines Langlauflagers während der Wintersaison, einer Phase des Trainingsaufbaus in welchem die Teilnehmer wenig oder kaum Sportart spezifisch trainieren können, geht es für die Teilnehmer primär darum, eine für sie fremde Sportart entdecken und vielseitig erleben zu können […] es verhilft ihnen hiermit, den Winterblues zu überwinden und zusätzlich neue Anreize zu erhalten. So vermögen sie auch wertvolle Bewegungsabläufe anzueignen, welche sich schlussendlich für sie auch im Ruderboot als hilfreich erweisen […] und ihnen eindrücklich veranschaulichen, wie schnell sie Fortschritte machen und wieviel Spass man gemeinsam in einer per se nicht auserwählten Sportart haben kann. Host: [Franziska,] basierend auf all deinen mitgeteilten Überlegungen bedingt die Organisation eines Trainingslagers offensichtlich einen grösseren Aufwand. Warum genau lohnt es sich für dich angesichts dieses doch beträchtlichen Aufwandes trotzdem ein Lager zu organisieren? FA: Aus meiner Sicht ist [die Organisation eines Lagers] extrem wertvoll, gemeinsame Erinnerungen zu erschaffen, […] weil jedem Leiter vergönnt ist, immer Neues zu erfahren, zu erlernen, mitzunehmen und wie schon erwähnt den Jugendlichen ungemein viel Wertvolles mitgeben zu können. Nicht nur darum macht dies alles viel Spass, sondern schafft insbesondere auch innerhalb des Leiterteams ein grosses Erlebnis, gerade wenn ein wirklich cooles Lager erfolgreich gelingt. Host: Sehr schöne Schlussworte […] ganz herzlichen Dank für deine inspirierenden Worte. Danke auch dafür, dass du heute hier teilgenommen hast […] und viel Erfolg auch für deine kommenden Lagerabenteuer. FA: Ganz herzlichen Dank. Host: Wir haben heute sehr viel darüber gelernt, wie wertvoll Lager sind, wie man auch die persönliche Entwicklung der Kinder und Jugendlichen unterstützen kann, aber natürlich auch angeschaut, wie man sie in ein Team formen kann und sich über den Verlauf einer Woche auf einen Inhalt fokussieren kann. Ganz wichtig ist zu erwähnen, dass sich diese Lager nicht nur für Kinder und Jugendliche lohnen, sondern auch in der Arbeit mit Erwachsenen wie zum Beispiel beim SA Programm im Rahmen von Wochenaktivitäten oder Aktionswochen […] sind es genau diese Inhalte, denen innerhalb der Lager grosse Bedeutung zukommt. Falls ihr zu diesem Thema Fragen habt und auch gerne eure Erfahrungen teilen möchtet, dann könnt ihr euch gerne bei uns über die Kontaktabgaben, welche ihr unten auf den Podcast Beschreibung vorfindet, melden. In den nächsten Folgen steigen wir direkt in die Planung eines Jugend+Sport Lagers ein. Wir wünschen euch auch mitzuteilen, was ein gelungenes Lager ausmacht und wie man genau die ersten Schritte dazu angeht, falls man die Herausforderungen eines Jugend+Sport Lagers annimmt. Auf Wiedersehen und bis zum nächsten Mal.

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