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Deutsch: Eine Sprache und ihre Geschichte

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ZDF, Vater Unseher, du in Himide bist, Din namowerdiger Heiligott, Din rieche komme, Unter der Linden, an der Heide, Da unser zweier Bette was.

Habe nun, ach, Philosophie, Juristerei und Medizin und leider auch Theologie durchaus studiert, mit heißem Bemühen.

Hey, Bock auf chillen heute Abend?

Zwinker-Smiley.

Ich bin gerade bei PA.

Ich schaff das später.

See you.

Was ihr da gerade gehört habt, das waren Beispiele aus der rund 1200 Jahre langen Geschichte der deutschen Sprache.

Vermutlich haben die meisten von euch die ersten Zeilen des Vaterunsers aus dem Jahr 1000 gar nicht verstanden.

Mir ging es ehrlich gesagt ähnlich.

Bei dem Lied Unter der Linden von Walter von der Vogelweide, das ungefähr um das Jahr 1200 entstanden ist, war es schon ein kleines bisschen einfacher.

Den Auszug aus Goethes Faust, den habt ihr vermutlich auf Anhieb kapiert und den fiktiven, modernen Chat sowieso.

Aber wie hat sich Deutsch zu der Sprache entwickelt, die es heute ist?

Seit wann sprechen wir Hochdeutsch?

Und stimmt es wirklich, wie immer wieder zu lesen ist, dass die deutsche Sprache durch zu viele englische Begriffe, geschlechtergerechte Sprache, Messenger, Chats und KI heute vom Niedergang bedroht ist?

Ich bin Mirko Drotschmann und ihr hört Terra X History, der Podcast.

Und in dieser Folge wollen wir euch mitnehmen zu den Ursprüngen der deutschen Sprache.

Was sie mal war und wie sie zu dem werden konnte, was sie ist.

Die Entwicklung der deutschen Sprache war auch durch viele Zufälle geprägt.

Erstmals im Jahr 1901 wurde dann die deutsche Rechtschreibung normiert.

Interessant ist, dass es in der langen Sprachgeschichte des Deutschen immer wieder Phasen gegeben hat, in denen Gelehrte, Adlige oder Intellektuelle die deutsche Sprache definieren und von Fremdeinflüssen gewissermaßen säubern wollten.

Aber Deutsch hat, wie die meisten anderen Sprachen, immer auch unter dem Einfluss von Fremdsprachen gestanden, wie etwa Latein oder Französisch und sich weiterentwickelt.

Für viele Sprachwissenschaftler ist Deutsch daher eine multikulturelle Sprache.

Man könnte auch sagen, ohne beispielsweise Latein oder Französisch gäbe es das Deutsch, so wie wir es heute kennen, überhaupt gar nicht.

Wörter aus Latein und Französisch, Englisch und Griechisch, aber auch russische oder italienische Begriffe wurden im Verlauf der Geschichte immer wieder mal direkt übernommen, mal eingedeutscht.

Oder wusstet ihr, dass Konto eigentlich ein italienisches Wort ist?

Oder der Streik ursprünglich auf das englische strike zurückgeht?

Manchmal hat man für fremde Ausdrücke dann auch was ganz Eigenes erfunden.

Handy für ein mobiles Telefon.

Klingt englisch, ist es aber gar nicht.

In England fragt man nach dem Mobile Phone, in den USA nach dem Severer Phone oder Cell Phone.

Handy kennt in den englischsprachigen Ländern kein Mensch.

Hi, ich bin Caroline Ball und Autorin von New York Daltbüchern.

Und das Besondere an der deutschen Sprache für mich ist tatsächlich, dass man recht viel umschreiben kann und unfassbar viele Möglichkeiten hat, verschiedene Dinge auszudrücken und das auf die unterschiedlichste Art und Weise.

Ich persönlich verzweifle manchmal an der Kommasetzung, das ist mein Endgegner.

Und ich liebe, liebe, liebe Wortkreationen, also sowas wie Herzschlag, Augenblicke.

Man hat einfach direkt ein Bild im Kopf und kann damit arbeiten und für jeden bedeutet das ein bisschen was anderes.

Heute gibt es schätzungsweise 130 Millionen Menschen auf der Welt, die Deutsch sprechen.

Deutsch ist in sechs Ländern Amtssprache und zwar in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Liechtenstein, Luxemburg und Belgien.

Auch im italienischen Südtirol ist Deutsch die Provinzamtssprache.

Dazu kommen auch noch die vielen Dialekte und regionalen Ausdrücke, die es gibt.

Ein schönes Beispiel ist etwa der Name für Kleingebäcke, die im nördlichen Teil Deutschlands Brötchen heißen, weiter südlich dann eher Weg, Semmel oder Weckli.

Das Deutsche ist wortwörtlich eine Sprache in Bewegung und das seit mehr als 1200 Jahren.

Sowohl auf Latein als auch in der Volkssprache.

So ist es zu den Beschlüssen einer Kirchenversammlung in England aus dem Jahr 786 vermerkt.

Mit Theodiske ist hier in der Volkssprache gemeint, also das damals in England gesprochene Altenglisch aus der westgermanischen Sprachfamilie.

Es ist eng mit dem späteren Deutsch verwandt.

Nur zwei Jahre später kommt es im Jahr 788.

In Bayern zu einem aufsehenerregenden Prozess.

Tassilo III., bayerischer Herzog und Vetter Karls des Großen, ist wegen angeblicher Fahnenflucht angeklagt.

Er wird erst zum Tode verurteilt, dann aber begnadigt und zu lebenslanger Klosterhaft verurteilt.

In der Anklageschrift heißt es Quod Theodisca lingua haris litz dikitur.

Und wieder taucht der Begriff Theodisca auf.

Denn das Urteil wird dem bayerischen Herzog nicht wie üblich nur in Latein, sondern anschließend auch in seiner Volkssprache verlesen.

Aber was war dieses Theodiskus jetzt genau?

Naja, zuerst ging es nur darum, die jeweilige Volkssprache mit diesem Überbegriff von Latein zu unterscheiden.

Mit der Zeit wurde aus dem Wort das althochdeutsche Diutisk.

Und um das Jahr 1000 tauchten die Begriffe Diutic oder Diutisk auf.

Im Anno-Lied zu Ehren des Kölner Erzbischofs Anno II.

Aus dem späten 11.

Jahrhundert ist dann erstmals die Rede von den Deutschen und ihrem Land.

Wobei das mit dem deutschen Land ja so eine Sache ist, denn Deutschland gab es damals in der heutigen Form noch gar nicht.

Und die Menschen waren auch noch weit davon entfernt, sich selbst als deutsch zu bezeichnen.

Deshalb gab es auch keine einheitliche Sprachgemeinschaft.

Von den Alpen bis zur Nordsee existierte ein Flickenteppich aus Dialekten.

Man verstand sich wohl irgendwie untereinander einigermaßen, aber Althochdeutsch bezog sich damals auf alle möglichen Dialekte.

Bayerisch, Schwäbisch oder auch Sächsisch.

Was wir von dieser frühen Sprachstufe heute noch kennen, sind Texte, die meist in Klöstern aufgeschrieben wurden.

Die Schriftsprache der Gebildeten, allen voran Priester, Mönche und Nonnen, war damals Latein.

Die Volkssprache war die Alltagssprache.

Irgendwann begannen die Mönche, kleine Erklärungshilfen und altdeutsche Übersetzungen in ihre lateinischen Bücher zu schreiben, sogenannte Glossen.

Die wurden über oder hinter ein lateinisches Wort geschrieben.

Im Bayerischen Kloster Freising war so um das Jahr 770 das erste Buch in deutscher Sprache entstanden.

Der Abrogans.

Eigentlich ein Synonym-Wörterbuch für Latein.

Das Wort Abrogans war der erste Eintrag in diesem Wörterbuch.

Daher der Name.

Abrogans kann man auf Deutsch mit demütig übersetzen.

In vielen Klöstern entstanden in den folgenden Jahrzehnten Abschriften dieses Abrogans, aber auch weitere Glossare.

Viele tausend Wörter wurden so im Laufe der Zeit vom Lateinischen ins Deutsche übertragen.

Eines der frühesten noch erhaltenen Wörterbücher stammt aus dem späten 8.

Jahrhundert.

Aufbewahrt wird es im Kloster St.

Gallen, der Codex St.

Galensis 911.

Elf.

Na, habt ihr das verstanden?

Genau, das waren Himmel, Sonne und Mond.

Die meisten frühen deutschen Texte haben sich mit geistlichen Themen befasst.

Es gab aber auch Ausnahmen, wie das Hildebrandts Lied mit weltlichem Inhalt.

Dieses Lied war besonders wichtig für die Entwicklung der deutschen Sprache.

Es ist das älteste Zeugnis eines germanischen Heldenliedes und erzählt die Geschichte eines tragischen Duells zwischen Vater Hildebrandt und seinem Sohn Hadubrandt.

Ich gehörte tatsächlich, dass sich Urheetum, Ähnung, Murtin, Hildebrandt, Enti, Hadubrandt, ich hörte es erzählen.

Herausforderer traten einander entgegen.

Hildebrandt und Hadubrandt zwischen zwei Heeren unter Herr Jun Tuem.

Aufgeschrieben wurde das Lied im frühen 9.

Jahrhundert im Kloster Fulda.

Mönche haben diesen weltlichen Inhalt in einer Handschrift notiert.

Warum sie das getan haben, das wissen wir nicht.

Die Geschichte des Liedes selbst geht zurück auf die mündliche Erzähltradition der Germanen.

Aber dank der Klöster wurde zum ersten Mal eine Geschichte in der Volkssprache, also damals im Althochdeutschen, verfasst.

Sohn und Vater rüsteten ihre Rüstungen.

Sie machten ihre Kampfgewänder bereit und gürteten sich die Schwerter, gurtunen sich ihre Schwerter nahe.

Wie die Menschen im Alltag untereinander wirklich gesprochen haben, das lässt sich daraus natürlich nicht ableiten.

In fast jeder Region Deutschlands sprachen die Menschen einen eigenen Dialekt.

Aber wie wurde aus diesem Flickenteppich an Sprachen, an Dialekten am Ende eine gemeinsame Sprache, das Hochdeutsche?

Genau darüber spreche ich jetzt mit dem Literatur- und Sprachwissenschaftler Michael Schwarzbach-Dobson von der Universität Köln.

Michael, hallo, ich freue mich, dass du da bist.

Ja, schön, dass ich mit dir sprechen kann.

Dein Spezialgebiet ist das Mittelalter.

Jetzt nehmen wir mal an, wir lesen eine Textnachricht aus dem 12.

Jahrhundert.

Also jetzt mal ganz fiktiv.

Natürlich gab es damals noch keine Möglichkeiten, irgendwas digital zu verschicken.

Würden wir denn diese Nachricht überhaupt verstehen?

Ja, das ist eine gute Frage.

12.

Jahrhundert, da sind wir natürlich ungefähr in der Sprachstufe des Mittelhochdeutschen.

Das würden wir mit unserem Gegenwartsdeutsch teilweise verstehen, würde ich sagen.

Also die Sprachbarrieren liegen sicherlich einerseits im Sprachwandel.

Das heißt, einige Vokale würden uns etwas ungewohnt vorkommen.

Andererseits sicherlich aber auch im Bedeutungswandel.

Also wir würden vielleicht Wörter erkennen.

Diese Wörter haben aber im Mittelhochdeutschen noch eine andere Bedeutung, Semantik gehabt.

Das heißt, wir würden sie heute anders gebrauchten.

Und dann gibt es natürlich auch Wörter im Mittelhochdeutschen, die wir heute einfach schlicht gar nicht mehr kennen.

Und da müssen wir dann im Wörterbuch nachschlagen, wenn wir die Textnachricht verstehen wollen.

Hast du da ein Beispiel für ein besonders schönes Wort, das wir heute gar nicht mehr kennen?

Das Mittelhochdeutsche hat tatsächlich noch zwei Wörter für die ganz grundlegenden Richtungen links und rechts, die wir heute nicht mehr haben, nämlich Winster für links und Zesse für rechts.

Die findet man im Artus-Roman oder wo auch immer, wenn man in mittelalterlicher Literatur liest.

Die sind aber heute komplett verschwunden, beziehungsweise sie wurden schon im Laufe des Hochmittelalters langsam ersetzt durch Ableitungen aus den mittelhochdeutschen Adjektiven link, also ungeschickt, und recht, gerade richtig.

Das heißt, man merkt sofort, diese neuen Wörter, also unsere Richtungsangaben links und rechts, sind eigentlich sehr wertend.

Also im Linken schwingt immer das Defizitäre, das Linkische mit oder auch die Täuschung, so wie wir heute ja auch sagen, du wurdest gelinkt.

Das Rechte ist dafür eng verwandt mit dem Rechten, dem Gerechten oder Richtigen.

Und da kann man sich natürlich fragen, wie passiert das, dass so grundlegende Wörter eigentlich ersetzt worden sind?

Sicherlich ein Grund etwa, dass das Christentum, ja, in der Bibel haben die Richtungen links und rechts ganz dezidierte moralische Aufladungen.

Also man soll den rechten Weg einschlagen, nicht den linken.

Können auch Alltagserfahrungen sein, also der Großteil der Menschheit ist Rechtshänder.

Das heißt, wir merken alle, dass das, was mit der rechten Hand einigermaßen gut funktioniert, mit der linken nicht klappt.

All das kann dazu beitragen, dass bestimmte Wörter verschwinden und durch neue, die anscheinend besser gepasst haben, ersetzt werden.

Das ist wirklich spannend.

Ich hätte jetzt auch auf die Erklärung mit der Hand getippt.

Die linke ist da die schwächere Hand bei vielen als die rechte.

Aber auf jeden Fall sehr interessant, diesen Einblick da mal zu bekommen.

Jetzt müssen wir aber sagen, wenn wir nach der Geschichte fragen und uns damit beschäftigen, wo liegt denn überhaupt der Ursprung des Deutschen?

Kann man das so festmachen?

Wir haben so erste schriftliche deutsche Texte etwa ab dem 8.

Jahrhundert überliefert.

Das heißt, ab dieser Zeit haben wir ein relativ gutes Verständnis dafür, wie die Schriftsprache aussieht.

Das ist zu diesem Zeitpunkt 8.

Jahrhundert noch die althochdeutsche Sprachstufe.

Die ist uns heute sehr fremd.

Also die Textnachricht aus dem 8.

Jahrhundert würden wir gar nicht mehr verstehen eigentlich mit unserem Gegenwartsdeutsch.

Und dann alles, was vor dem althochdeutschen liegt, müssen wir größtenteils rekonstruieren.

Man geht von einer indoeuropäischen Sprachfamilie aus, sehr große, sehr alte Sprachfamilie.

Vielen Dank.

Zu der auch die germanischen Sprachen gehören, die vielleicht etwa im ersten Jahrtausend vor Christus entstanden sind und sich dann im Lauf der nächsten Jahrhunderte in unterschiedliche Sprachzweige aufgeteilt haben, etwa Nordgermanisch oder Westgermanisch, aus dem dann auch letztlich das Deutsche hervorgegangen ist.

Es gibt ja einige andere indoeuropäische Sprachen, zu denen ja auch das Deutsche gehört.

Die klingen ganz ähnlich, Niederländisch zum Beispiel.

Wenn man genau hinhört, kann man den ein oder anderen Satz auch verstehen.

Auch im Englischen gibt es Begriffe, die nicht weit vom Deutschen entfernt liegen.

Aber irgendwann sind diese Sprachen auseinandergedriftet.

Was hat das denn zu tun mit der sogenannten zweiten Lautverschiebung im 8.

Jahrhundert?

Kannst du mal kurz erklären, was da genau passiert ist?

Die zweite Lautverschiebung beschreibt einen Konsonantenwechsel, der im 8.

Jahrhundert ungefähr abgeschlossen ist, aber schon so um 600 nach Christus eingesetzt hat.

Das heißt, es ist ein sehr langes Sprachphänomen.

Und diese zweite Lautverschiebung sorgt dafür, dass sich das Hochdeutsche aus der germanischen Sprachgruppe ausgliedert und damit eben auch von anderen germanischen Sprachen unterscheidet.

Das funktioniert, wie gesagt, über einen Konsonantenwechsel, also zum Beispiel Verschiebung von T zu S, Englisch Water, Deutsch Wasser oder P im Wortanlaut zu PF, Englisch Plow, Deutsch Flug.

Es hat aber auch zu einer Unterteilung des Deutschen selbst geführt, denn nur ein Teil des deutschen Sprachraums macht diese zweite Lautverschiebung mit, nämlich genau den Teil, den wir jetzt Hochdeutsch nennen.

Das ist vor allem so das heutige Süd- und Mitteldeutschland.

Da geht quasi so eine Ost-West-Grenze einmal durch den deutschen Sprachraum, die nennt man die Benrather Linie, weil sie mitten durch den heutigen Düsseldorfer Stadtteil Benrath geht.

Geht dann so nördlich von Kassel, südlich von Magdeburg quasi in Ost-West-Richtung einmal durch.

Alles, was südlich davon ist, macht die zweite Lautverschiebung mit, Hochdeutsch.

Alles, was nördlich davon ist, macht die zweite Lautverschiebung nicht mit.

Und man bezeichnet diesen Sprachraum dann als Niederdeutsch.

Und wir haben durch die zweite Lauschverschiebung im deutschen Sprachraum eine ganz grundlegende Trennung, die die Sprache für viele Jahrhunderte prägen wird.

Wie war das denn damals?

Gab es auch eine Sprache oder einen Dialekt zu dieser Zeit, den alle verstanden haben?

Gab es zum Beispiel das Mittelhochdeutsche, das man verstanden hat, egal ob man jetzt irgendwo ganz im Süden unterwegs war oder ganz im Norden?

Nein, das wird es so in der Form sicherlich nicht gegeben haben.

Also wir müssen davon ausgehen, dass generell Dialekte zu der Zeit noch deutlich stärker ausgeprägt gewesen sind, als wir das heute haben.

Aber auch die Schriftsprache ist keine einheitliche.

Also das Mittelhochdeutsche ist keine normierte Sprache.

Wir haben keine geregelte Orthographie, keinen Duden, der uns sagt, wie ein bestimmtes Wort geschrieben wird.

Das heißt, jeder hat geschrieben, so wie er halt auch gerade gesprochen hat, etwas überspitzt gesagt.

Und da haben wir tatsächlich eben die Unterteilung des deutschen Sprachraums in ganz unterschiedliche Dialektbereiche.

Also einen alemanischen Sprachraum im Süden oder Südwesten, fränkische Dialekte im Westen, niederdeutsche Dialekte im Norden und so weiter und so fort.

Also man wird sich schon irgendwie verständigt haben, grundlegend, denke ich.

Wir reden ja hier nicht von vollkommen fremden Sprachen, aber die Verständung kann durchaus im Einzelfall sehr mühsam gewesen sein.

Es gibt einen ganz berühmten Text aus dieser Frühzeit der deutschen Sprache und zwar das Nebelungenlied aus dem 13.

Jahrhundert, also diese Heldengeschichte von Siegfried, dem Drachentöter und von seiner Liebe zur burgundischen Königssochter Krimhild.

Da heißt es in der ersten Strophe, ich versuche das jetzt mal abzulesen, aber ich kriege das wahrscheinlich nicht so gut hin.

Deshalb übernimm dann gerne, wenn es ganz schrecklich wird.

Da heißt es, Zitat, uns ist in Alten, also bis dahin kriege ich das noch hin und jetzt mehren wunders viel geseit von Helden, Lobebären von großer Arbeit, Arbeit.

Von Freuden hochgeziehten.

Das war wahrscheinlich falsch, oder?

Nein, ist schon ganz okay.

Okay, von Weinen und von Klagen kriege ich wieder hin.

Von Kühner Reckens Drieten Muget ihr nu Wunder hören sagen.

Also ungefähr so ähnlich.

Ungefähr so ähnlich, ja.

Ja, das war so fest.

Ich verstehe jetzt inhaltlich ehrlich gesagt nur die Hälfte.

Man kann sich das eine oder andere vielleicht ableiten.

Aber mit diesem Nibelungenlied verbunden ist was ganz Besonderes.

Was denn genau und welche Rolle spielt das für die Geschichte der deutschen Sprache?

Ja, das Nibelungenlied ist vielleicht also für unsere Kulturgeschichte fast genauso wichtig für die Sprachgeschichte.

Also wir haben ja beim Nibelungenlied eine ganz starke Rezeption, vor allem im 19.

Jahrhundert auf der Theaterbühne Hebel, auf der Opernbühne Wagner.

Das heißt, man fängt plötzlich an, sich sehr stark für diesen Erzählstoff zu interessieren, gleichzeitig verbunden mit dem Versuch, das Nibelungenlied dann auch als so eine Art deutsches Nationalepos darzustellen, hat aber eben dafür gesorgt, dass man sich über die Auseinandersetzung mit dem Originaltext beschäftigt.

Auch stärker für die Sprache, für das Mittelhochdeutsche interessiert hat.

In diesem Zuge dann auch die ersten Germanistik-Lehrstühle zum Beispiel entstanden sind an den Universitäten, wo man tatsächlich am Anfang vor allem Texte wie das Nibelungenlied oder den Minnesang sich angeschaut hat.

Das ist der eine Punkt.

Und der andere Punkt, wenn wir uns den mittelalterlichen Text selbst mal anschauen, ist das Nibelungenlied insofern interessant, als diese Verschriftlichung des Erzählstoffs um 1200.

Nicht unbedingt mit der Erfindung dieser Erzählung um Siegfried und so weiter gleichzusetzen ist.

Weil tatsächlich vorher bereits über Jahrhunderte wahrscheinlich mündliche Erzählungen um Siegfried und die anderen kursiert sind.

Und zwar in weiten Teilen Europas, nicht nur im deutschen Sprachraum.

Und dann ist es natürlich spannend zu schauen, wie schlägt sich diese lange mündliche Erzähltradition jetzt plötzlich in der Schrift nieder.

Und was macht das mit der Schrift?

Und was hat die Schrift da mit der Mündlichkeit gemacht?

Und jetzt hast du gerade schon was anderes genannt, das damit eng verbunden ist und über das wir an dieser Stelle auch sprechen sollten, nämlich den Minnesang.

Da gibt es einen Namen, der sicher vielen präsent ist, nämlich Walter von der Vogelweide.

Diese Minnegesänge waren auch wichtig für die Entwicklung der deutschen Sprache.

Inwiefern denn?

Generell kann man vielleicht sagen, dass die höfische Literatur, also neben dem Minnesang meinetwegen auch der Artus-Roman, sehr stark von Frankreich beeinflusst wurde.

Also Frankreich ist sowieso zu der Zeit die Leitkultur schlechthin.

Im Mittelalter war in Frankreich einfach eine sehr weitentwickelte Hofkultur vorhanden und die hat man dann im deutschsprachigen Raum auch versucht zu imitieren.

Und das ging eben einher mit der Übernahme von französischen Wörtern, also etwa unsere heutigen Wörter Abenteuer oder Preis kommen daher, aber auch eben Elemente höfischer Kultur, etwa diese Vorstellung von Liebe.

Und die eben im Minnesang auf eine sehr komplexe Art und Weise diskutiert, verhandelt werden.

Schon in dieser Frühstufe der Lyrik hat man extrem komplexe Experimente mit Reihentechniken, mit Strophenformen.

Ich kann da wirklich nur jedem empfehlen, sich die Texte mal im Original anzuschauen.

Die sind schon beeindruckend auf ihre Art und Weise.

Und für die Entwicklung der deutschen Sprache kann man natürlich auch überlegen, ob sich diese Etablierung eines literarischen Systems, in dem Minnesänger aufeinander Bezug nehmen, sozusagen auf Lieder anderer Minnesänger antworten und so weiter.

Nicht tatsächlich schon langsam so etwas entwickelt, was zu einer Vereinheitlichung der Schriftsprache zumindest beiträgt.

Weil man eben über die gleichen Themen diskutiert an unterschiedlichen Orten und das irgendwie auch dann natürlich miteinander in Verständigung bringen muss.

Und dann kommt der Buchdruck, der für einen Wandel in ganz vielen Bereichen sorgt, auch was die Sprache angeht, der Buchdruck mit beweglichen Lettern, genauer gesagt im 15.

Jahrhundert durch Johannes Gensfleisch oder auch bekannt als Johannes Gutenberg, erfunden in Mainz.

Welche Rolle spielt denn das für die Entwicklung der deutschen Sprache?

Welchen Schub gibt das der Entwicklung?

Der Medienwandel hat sicherlich enorm zu einer Vereinheitlichung der deutschen Schriftsprache beigetragen, vor allem wenn wir an die Masse an Druckerzeugnissen denken, also etwa Flugblätter und Flugschriften im Kontext der Reformation, also sowohl von der lutherischen wie der antilutherischen Seite wurde da das neue Medium des Drucks enorm in Anspruch genommen.

Dennoch sollte man vielleicht ein bisschen vorsichtig sein bei der Beurteilung des Drucks im Kontext der deutschen Sprachgeschichte.

Zum einen hatte Druck die Pergamentkultur des Mittelalters nicht derart schnell ersetzt, wie man das manchmal annimmt.

Und zum anderen waren auch die frühen Druckerzeugnisse noch eine Zeit lang von dialektaler Sprache geprägt.

Also es hat da auch etwas gedauert, bis sich gewisse Standards der Vereinheitlichung durchgesetzt haben.

Und nicht zu vergessen ist, dass ein Großteil der Druckerzeugnisse aus lateinischen Texten bestand, nicht aus deutschen.

Schlicht, weil da einfach man sozusagen die breite Gelehrtengeschicht bedienen konnte und man konnte seine Texte auch über den deutschen Sprachraum hinaus verkaufen, weil Latein sozusagen jeder Gelehrte in Europa sprach.

Erst im 17.

Jahrhundert werden überhaupt mehr Deutsche als lateinische Texte gedruckt.

Vorher war das Verhältnis ganz umgekehrt.

Einige Jahrzehnte nach der Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern kam dann ein Mann ins Spiel, der auch für Veränderung gesorgt hat, nämlich Martin Luther mit seiner Übersetzung der Bibel aus dem Lateinischen ins Deutsche.

Und er stand vor der großen Herausforderung, dass er eine Sprache finden musste, die in weiten Teilen der deutschen Gebiete verstanden wird, was gar nicht so einfach ist.

Du hast das schon beschrieben, wie es zu dieser Zeit war.

Wie ist er dabei vorgegangen?

Und welche Rolle spielt Martin Luther tatsächlich bei der Vereinheitlichung der deutschen Sprache?

Bei einer Person wie Luther ist es sicherlich nötig, etwas genauer hinzusehen, weil da der Mythos doch dann manchmal etwas größer ist als die Wirklichkeit.

Also schon vor Luther entwickelten sich im 15.

Jahrhundert im hochdeutschen Sprachraum eigentlich zwei bedeutende Zentren der Schriftlichkeit.

Und das eine war so die Kaiserliche Kanzlei, der Habsburger in Wien, das andere befand sich in Sachsen.

Das war einfach so, weil es an diesen Orten wichtige Verwaltungszentren und bedeutende Handelswirtschaftsorte gab, die einfach auch viel Schriftverkehr betrieben haben, wodurch dann ihre Schriftsprache auch eine große Reichweite bekommen hat.

Kanzleien, die so Verwaltungen betrieben haben.

Das heißt, zu Luthers Zeit haben wir eigentlich schon zwei Sprachzentren, die für so eine gewisse Vereinheitlichung sorgen.

Das eine ist Bayerisch-Habsburgisch, das andere ist Maisnisch, wie man die sächsische Schreibsprache oft genannt hat.

Und Luther hat dann in seiner Bibelübersetzung vor allem Elemente des Sächsisch-Meißnischen übernommen, hat es aber auch durch süddeutsche Ausdrücke ergänzt, teilweise sogar auch niederdeutsche Wörter verwendet.

Also eigentlich etwas zugespitzt formuliert hat er so eine Art Mischsprache genutzt, die eigentlich überall ganz gut angekommen ist.

Also er hat gewissermaßen schon vorhandene Vereinheitlichungstendenzen gebündelt und verstärkt, die dann aber eben auch aufgrund der weiten Verbreitung seiner Bibelübersetzung großen Einfluss auf die Vereinheitlichung der deutschen Sprache oder der deutschen Schriftsprache gehabt hat.

Und dort, wo er keine Wörter gefunden hat, hat er einfach welche erfunden, oder?

Es gibt so ein paar Wörter, sowas wie Machtwort zum Beispiel, die auf Luther zurückgehen tatsächlich, genau.

Sehr spannend.

Wir stellen also fest, Sprache verändert sich natürlich kontinuierlich.

Und es ist immer wichtig, die Hintergründe zu kennen.

Und die haben wir jetzt von dir erklärt bekommen.

Ganz herzlichen Dank.

Ja, vielen Dank, dass ich da sein durfte.

Ja, interessant ist, dass wir seit dem Mittelalter viele Wörter verloren haben, die damals üblich gewesen sind.

Zum Beispiel den Begriff Lütz, womit die Menschen im Mittelalter klein gemeint haben.

Und im 16.

Jahrhundert gab es noch keine einheitlichen Regeln, wie Deutsch geschrieben werden sollte.

Jeder hat so geschrieben, wie er wollte.

Nach Gehör sozusagen und auch regional unterschiedlich.

Aber nach und nach entwickelte sich das Deutsche dann auch zu einer Literatursprache.

Noch Mitte des 18.

Jahrhunderts waren allerdings etwa die Hälfte der niedergeschriebenen deutschen Schriften religiöse Texte.

Aber dann hat sich etwas geändert.

Solange die Welt steht, sind keine Erscheinungen so merkwürdig gewesen, als in Deutschland die Romanleserei.

Es ist nicht ganz unwahrscheinlich, dass die Romane im geheimen Menschen und Familien unglücklich gemacht haben.

Heißt es im Pamphlet über die Pest der deutschen Literatur aus dem Jahr 1795 zur Zeit der Französischen Revolution.

Um 1800 scheint es so etwas wie einen ersten Romanboom in deutscher Sprache gegeben zu haben.

Es lag auch daran, dass immer mehr Menschen lesen und schreiben konnten, Leihbibliotheken und Lesegesellschaften entstanden.

Und junge Literaten wie Friedrich Schiller begannen, neue Ausdrucksformen auszuprobieren.

Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium, Wir betreten feuertrunken himmlische, dein Heiligtum.

Deine Zauber binden wieder, was der Modeschwert geteilt, Bettler werden Fürstenbrüder, wo dein sanfter Flügel weilt.

Deutsche Sprache war Kunst und Ausdruck des Selbstgefühls.

Literaten wie Goethe, Schiller oder von Eichendorff schufen so schöne neue deutsche Wörter wie Mondnacht oder Götterfunken.

Aber sie haben noch geschrieben, wie es ihnen gefiel.

Verbindliche Regelungen, was Rechtschreibung und Grammatik anbelangte, entwickelten sich gerade erst.

Und eine einheitliche Aussprache, die gab es auch noch nicht.

Jeder hat noch im 19.

Jahrhundert gesprochen, wie er wollte.

König, Könisch oder König, das hing ganz davon ab, wo man in Deutschland lebte.

In Schleswig-Holstein, dem Rheinland oder in Bayern.

Teilweise hört man das heute auch noch.

1898, Deutschland war da längst Kaiserreich, hatte der Germanistikprofessor Theodor Siebs eine Idee.

Der gebürtige Bremer und Spezialist für das Friesische legte unter seiner Leitung ein Aussprachewörterbuch vor, das schon ein Jahr danach im Schulunterricht verbindlich wurde.

Später sollte es zum Standardwerk des in der ersten Hälfte des 20.

Jahrhunderts gegründeten Rundfunks werden.

Siebs hatte seine Sprachnorm ursprünglich für Theaterleute geschrieben.

In seiner deutschen Bühnensprache machte der norddeutsche Siebs die Schriftsprache, die sich im hochdeutschen Raum entwickelt hatte, zur Standard-Aussprache.

Damals war das Königreich Preußen zur führenden politischen Macht im deutschen Kaiserreich aufgestiegen und gab jetzt gewissermaßen auch in der deutschen Sprache den Ton an.

Von nun an hieß es König Friedrich.

CH hinten.

Die Bayern sollten nun nicht mehr China sagen, sondern China.

Und Vokale vor S oder Doppel-S sollten lang ausgesprochen werden, wie in Fuß oder Maß.

Noch bis weit in das 20.

Jahrhundert war der Siebs die deutsche Aussprachennorm und gilt mit einigen Ausnahmen bis heute.

Und ich muss zugeben, auch ich musste das ein oder andere erst mühevoll dazulernen als jemand, der aus Karlsruhe.

Kommt.

Mein Name ist Helga Schubert, ich bin Schriftstellerin.

Das Besondere an der deutschen Sprache ist für mich, dass es meine Muttersprache ist.

Ich liebe die deutsche Sprache sehr.

Ich verzweifle beim Sprechen und beim Schreiben manchmal an den Geditivkonstruktionen und meine Lieblingsformulierung und Lieblingswort in der deutschen Sprache ist Samfteig.

Es war, wie so oft in der Geschichte der deutschen Sprache, eine Privatinitiative, die die Entwicklung vorangebracht hat.

Ähnlich war es mit der Rechtschreibung.

Auch nachdem die Lutherbibel in der Mitte des 16.

Jahrhunderts dem Deutschen auf seinem Weg zu einem einheitlichen Hochdeutsch einen wichtigen Schub gegeben hatte, herrschte vor allem in der Rechtschreibung nach wie vor großes Chaos.

Wenn es zum Beispiel um Christ ging, dann schrieben die einen es mit CH, die anderen mit K.

Manchmal hieß es auch Kerist oder Chris.

Aber im Jahr 1617, ein Jahr vor dem Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges, sollte sich das ändern.

24.

August 1617.

Auf Schloss Hornstein in Weimar.

Fürst Ludwig von Anhalt Köthen lädt zu einer Trauergedenkfeier für seine verstorbene Schwester Dorothea Maria.

Unter den Anwesenden sind auch vier Fürsten aus Anhalt und Sachsen-Weimar.

Fürst Ludwig nutzt den Anlass, um mit ihnen die fruchtbringende Gesellschaft zu gründen, die erste Sprachakademie der deutschen Geschichte.

Wessen Land, dessen Religion.

Das gilt damals auch für die deutsche Sprache.

Das Kaiserreich ist in den deutschen Landen in viele kleine Herrschaftsbereiche zersplittert.

Am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges hat man andere Sorgen, als sich um eine einheitliche Volkssprache zu kümmern.

Auf Reichstagen und an Gerichten wird wieder vermehrt Latein gesprochen.

Und wer à la mode, also besonders modern sein will, spricht Französisch.

Denn Frankreich ist damals das Vorbild in fast allen Bereichen.

Besonders der Adel parliert bald nur noch in der Sprache des westlichen Nachbarn.

Einige sehen die deutsche Volkssprache ernsthaft bedroht.

Wie im ganzen Reich, ein einträchtige Sprach und endlich auch ein einträchtige Religion bequemlich einzuführen und friedlich zu erhalten sei.

Erklärt der Pädagoge Wolfgang Rathke auf dem Frankfurter Reichstag von 1612.

Fürst Ludwig von Anhalt Köthen nimmt diese Idee mit Gleichgesinnten auf.

Bei einer mehrjährigen Lustreise nach Italien erlebt Ludwig, wie die Italiener ihre Sprache zur Basis der nationalen Einheit machen.

Und Ludwigs fruchtbringende Gesellschaft will das auch für Deutschland erreichen.

Vor allem soll das Französische, wo immer es geht, zurückgedrängt werden.

Die fruchtbringende Gesellschaft führt ein voller Erfolg.

Namhafte Dichter des Parock wie Andreas Grüfius und Martin Opitz gehören bald dazu.

Man schreibt sich Briefe, debattiert über Wortschöpfungen, Grammatik, Rechtschreibung.

890 Mitglieder hat die Gesellschaft zuletzt.

Nur ein Traum geht nicht in Erfüllung.

Ein Wörterbuch der deutschen Sprache.

Mit dem Tod des Gründers Fürst Ludwig von Anhalt Köthen im Jahr 1650 ging auch die fruchtbringende Gesellschaft allmählich unter.

Und war 1680 Geschichte.

Aber der Traum eines deutschen Wörterbuchs erfüllte sich einige Jahre später dann tatsächlich.

Das ehemalige Mitglied der Gesellschaft, Kaspar Stieler, brachte 1691 das erste große Wörterbuch, der deutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs oder deutscher Sprachwortschatz heraus.

Damit war der Anfang gemacht.

Allerdings hatten es vermeintliche Sprachpuristen im 17.

Und 18.

Jahrhundert vergleichsweise schwer.

Im Handel-Etter bürgerten sich die italienischen Begriffe Kredit und Skonto ein.

Eine neue Lateinwelle brachte dem deutschen Wortschatz Akten und Dokumente, Klausel und Privileg.

Soldat und Pistole kamen aus dem Französischen und viele weitere Wörter aus anderen Sprachen hielten Einzug.

Aber viele Versuche, die entlehnten oder übernommenen Begriffe aus dem deutschen Wortschatz wieder zu tilgen, waren nur mäßig erfolgreich.

In der Zeit der Aufklärung, also im 17.

und 18.

Jahrhundert, wurde weiter um eine Vereinheitlichung der deutschen Sprache gestritten.

Schon 1748 legte der Schriftsteller Johann Christoph Gottschädt eine Grundlegung der deutschen Sprache vor.

In den Jahren 1774 bis 1784 veröffentlichte der Bibliothekar Johann Christoph Adelung dann in der ersten Auflage ein grammatisch-kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart.

Und im Jahr 1781 die deutsche Sprachlehre im Auftrag des preußischen Kulturministers.

Und zwar auf einen Erlass Friedrichs des Großen hin, der den Deutschunterricht an Gymnasien damit reformieren wollte.

Mit Adelung, so sind sich viele Sprachwissenschaftler heute einig, wurde das Hochdeutsche zur gehobenen Einheitssprache in Deutschland.

Adelung vertrat auch die Auffassung, dass sich Deutsch mehr oder weniger selbst entwickelt habe und auch weiterentwickeln würde.

Und dass es dafür keine gesetzlichen Vorgaben brauche.

Die Aufgaben eines Sprachlehrers definierte er so.

Er ist nicht Gesetzgeber der Nation, sondern nur der Sammler und Herausgeber der von ihr gemachten Gesetze.

Er entscheidet nie, sondern sammelt nur die entscheidenden Stimmen der meisten.

Adelungs Wörterbuch umfasste immerhin mehr als 55.000 Artikel.

Und die waren erstmals auch nicht nach Stammwörtern, sondern alphabetisch geordnet.

Natürlich hagelte es an der neuen Systematik Kritik.

Aber es war ein weiterer Schritt hin zu einem einheitlichen, für alle verbindlichen Deutsch.

Und diesen Weg ging dann ein anderer konsequent weiter.

Sein Name Joachim Heinrich Kampe.

Ein großer Anhänger der Französischen Revolution und Sprachpurist.

Kampe war Pädagoge und Hauslehrer von Alexander und Wilhelm von Humboldt.

Er hat sich daran gesetzt, das Deutsche von allen Fremdwörtern zu befreien, vor allem vom Französischen.

Schon 1794 verfasste Kampe eine Preisschrift des Berliner Gelehrtenvereins mit dem Titel Im Jahr 1801 folgte dann das Wörterbuch zur Erklärung und Verdeutschung der unserer Sprache aufgedrungenen Ausdrücke Das Wörterbuch wurde ein voller Erfolg.

Kampes Idee war, mit der Muttersprache fange die Demokratisierung an.

Und nach dem Vorbild des aufklärerischen Frankreichs solle auch Deutschland deshalb eine barrierearme deutsche Sprache haben.

Es gab ein regelrechtes Verdeutschungsprogramm, das sich aber nicht durchsetzen konnte.

Mehr als 11.000 Fremdwörter wollte Kampes eindeutschen.

Aber nur 300 davon gingen tatsächlich in den Sprachgebrauch über.

So wurde etwa aus Parterre das Erdgeschoss.

Takt wurde zu Feingefühl und statt konventionell hieß es jetzt einfach herkömmlich.

Diese Idee vom sogenannten Sprachburismus fand dann übrigens eine neue Heimat, was mit Kampes eher pädagogischem Ansatz allerdings nichts mehr zu tun hatte.

Im Jahr 1885 wurde der Allgemeine Deutsche Sprachverein gegründet, der schon seit dem Jahr der Reichsgründung 1871 in Planung war.

Bedenke auch, wenn du die deutsche Sprache sprichst, dass du ein Deutscher bist, schreibt in jenen Jahren ein gewisser Hermann Riegel.

Seines Zeichens Kunsthistoriker und ein ausgemachter Franzosenhasser.

Kein Fremdwort für das, was Deutsch ausgedrückt werden kann.

Sein allgemeiner deutscher Sprachverein will die deutsche Sprache von allen unnötigen fremden Bestandteilen reinigen.

Auch Riegel kann mit seinem Sprachverein den Einfluss von Latein oder Französisch auf das Deutsche nicht verdrängen.

Zumal nicht alle Deutschen es genauso sehen.

Bis 1915 entstehen aber trotzdem gut 327 Zweigvereine mit knapp 38.000 Mitgliedern.

Nach der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg 1918 verliert der Allgemeine Deutsche Sprachverein dann seine Bedeutung.

Bis er 1923 als deutscher Sprachverein wieder aufersteht und bei den zu dieser Zeit aufstrebenden Nationalsozialisten große Anerkennung findet.

Für die Geschichte des Deutschen war das 19.

Jahrhundert als Zeitalter des Nationalismus ein ganz besonderes Jahrhundert.

Es wurden mehr und mehr Wörterbücher der deutschen Sprache veröffentlicht.

Nach den Befreiungskriegen gegen Napoleon und der Reichsgründung von 1871 sollte endlich ein einheitlicher Standard für die deutsche Nationalsprache her.

Dazu kam die allgemeine Schulpflicht, die schon im Königreich Preußen Anfang des 18.

Jahrhunderts eingeführt worden war und jetzt nach und nach auch in allen Teilen des Deutschen Reiches übernommen wurde.

Was sollte man den Schülern in Deutsch beibringen?

Und vor allem, nach welchen Regeln?

Und da sind wir bei den, genau, bei den Brüdern Grimm.

Die beiden sind vor allem für ihre Sammlung von Kinder- und Hausmärchen bekannt.

Aber während Wilhelm Grimm, der Jüngere der beiden, noch über den Märchen brütete, schrieb Jakob Grimm seit 1819 an einer deutschen Grammatik.

Kein Volk auf Erden hat eine solch lange Geschichte für seine Sprache wie die deutsche.

Jakob und Wilhelm Grimm studierten in Marburg Juristerei, so hieß das damals.

Aber ihr Faible galt der deutschen Sprache.

Für seine Arbeit zur deutschen Grammatik bekam Jakob Grimm 1830 eine Professur in Göttingen.

Als der König von Hannover vor seinem Regierungsantritt 1837 die Verfassung außer Kraft setzte, protestierte Jakob Grimm gemeinsam mit sechs anderen dagegen und wurde daraufhin des Landes verwiesen.

Im preußischen Exil übernahm er gemeinsam mit seinem Bruder Wilhelm die Arbeiten an einem deutschen Wörterbuch, für das mehrere Verlage schon seit langem Verfasser suchten.

1852 erschienen, zunächst in Heftform, die ersten Lieferungen des neuen deutschen Wörterbuchs.

1854 war der erste komplette Band fertig.

Als Wilhelm Grimm 1862 und ein Jahr später sein Bruder Jakob starben, waren die beiden nur bis zu den Buchstaben D bzw.

F gekommen.

Reichskanzler Bismarck und auch Kaiser Wilhelm I.

sorgten dann dafür, dass das deutsche Wörterbuch weitergeführt wird.

Fertiggestellt, wurde es erst im Jahr 1961 von den beiden damals noch existierenden deutschen Staaten, Bundesrepublik Deutschland und Deutsche Demokratische Republik in einer Art Gemeinschaftsprojekt.

Das komplette deutsche Wörterbuch gibt es übrigens auch online, kann sich jeder anschauen, den Link dazu findet ihr hier neben diesem Podcast oder darunter, wo auch immer ihr reinschaut, in unseren Shownotes.

Vermutlich wird sich jetzt schon der ein oder die andere gefragt haben, ja okay, aber was ist denn jetzt mit dem Duden?

Der kommt auch ungefähr um diese Zeit ins Spiel.

Konrad Duden, ein Gymnasialdirektor, legte 1872 seine Deutsche Rechtschreibung vor, die sich 1876 auf der ersten orthografischen Konferenz in Berlin durchgesetzt hat.

1880 veröffentlichte Duden ein vollständiges orthografisches Wörterbuch.

Und 1901 einigten sich auf der zweiten orthografischen Konferenz auch die Vertreter aus Österreich und der Schweiz auf eine verbindliche Rechtschreibung, die Duden dann in seinem Wörterbuch vorschlug.

Konrad Duden starb 1911, aber sein Werk wurde fortgeführt.

Bis heute ist der Duden für viele das Nachschlagewerk für korrektes Deutsch.

Mein Name ist Robert Seetaler.

Das Besondere der deutschen Sprache ist für mich, dass ich mit ihr spielen kann.

Ich verzweifle nie mit ihr.

Für Verzweiflung gibt es, wenn überhaupt, ganz andere Gründe in dieser Welt.

Mein Lieblingswort ist Purzelbaum.

Im Kinderanfall unserer Stadtgemeinde ist eine hierorts wohnhafte, noch unbeschulte Minderjährige aktenkundig, welche durch ihre unübliche Kopfbekleidung gewohnheitsrechtlich Rotkäppchen genannt zu werden pflegt.

Vor ihrer Inmarsch-Setzung wurde die R seitens ihrer Mutter über das Verbot betreffs Verlassens der Waldwege auf Kreisebene belehrt.

Dieselbe machte sich in Folge nicht...

Ihr habt am Namen Rotkäppchen wahrscheinlich gleich erkannt, um was es sich handelt.

Das berühmte Märchen vom Rotkäppchen und dem bösen Wolf.

Allerdings in Beamten-Deutsch.

Das ist eine der Fachsprachen, die sich mit der Zeit aus dem Standarddeutsch herausentwickelt haben.

Aufgeschrieben hat diese Rotkäppchen-Version der Autor der Deus Troll.

Aber warum haben wir überhaupt so eine verquaste Amtssprache, die kaum jemand auf Anhieb versteht?

Und brauchen sie vielleicht auch sogar?

Genau dazu forscht Christine Mörs am Leibniz-Institut für deutsche Sprache in Mannheim.

Ich finde, dieses Beispiel ist sehr schön, weil es sieht, warum eigentlich Amtsdeutsch in Märchen völlig unbrauchbar ist.

Es nimmt jede Emotion raus.

Ich glaube, die Sprache wirkt sehr distanziert und sehr kompliziert und im Grunde wird jeder normale Handlungsschritt absolut überbürokratisiert.

Märchen leben im Unterschied dazu von Bildern, von Spannung, auch von Tempo und vielleicht auch manchmal von Überraschungen.

So wie wir das vielleicht auch von Krimis kennen, die über hunderte Seiten gehen und erst ganz am Ende kommt raus, wer ist es gewesen.

Das ist natürlich etwas, was wir in der Verwaltungssprache nicht gebrauchen können.

Wir wollen nicht 800 Seiten einen Brief von einem Amt bekommen, um dann ganz am Schluss auf der letzten Seite, bis wir uns durchgekämpft haben, wissen wollen, was müssen wir eigentlich tun.

Das ist auch für mich manchmal gar nicht so einfach.

Bei kompliziert formulierten Schreiben von Ämtern, da kann man regelmäßig verzweifeln.

Man muss jeden Satz fünfmal durchlesen, der geht dann über mehrere Zeilen und erst dann versteht man irgendwann, was gemeint ist und was man machen muss.

Aber diese Art zu schreiben hat eine lange Tradition in Verwaltung und auch in der Justiz.

Die sehr stark auf Distanzierung aus war, also auf Nominalstil und Passiv gesetzt hat und dadurch quasi so eine Distanz zwischen der juristischen Ebene und der Bevölkerung geschaffen hat.

Das Beamtendeutsch entstand als sogenannte Kanzleisprache im späten Mittelalter.

Als etwa ab dem 13.

Jahrhundert dann vermehrt Urkunden und Verwaltungsschreiben nicht mehr auf Latein, sondern auch auf Deutsch angefertigt wurden, entstand ein neuer Berufsstand, die Kanzleischreiber.

Da ging es um offizielle Texte auf der Basis von Gesetzen oder um die Kommunikation zwischen Fürsten.

Es galt, möglichst eindeutig und genau zu formulieren.

Wir finden so ganz spezielle Ausdrücke wie wohnhaft oder aktenkundig oder gewohnheitsrechtlich.

Dann sehen wir vor allen Dingen viele Nomen statt vielleicht Verben, die man für die Handlungen auch ausdrücken könnte.

Also ganz besonders schön finde ich in Marschsetzungen anstatt sowas wie bevor sie losging oder so.

Oder in Folge Nichtbeachtung.

Auch Passivkonstruktion und so unpersönliche Formulierungen wurde zuständig gemacht.

Ganz besonders schön finde ich Einsichtnahme in das zu Transportzwecken von Konsumgütern dienende Korbbehältnis, obwohl Rotkäppchen einfach nur einen Korb in der Hand hat.

Also das sind so die Klassiker, die man sagen kann, die Verwaltungssprache auszeichnen und charakterisieren, die sich halt auch historisch so ein bisschen gehalten haben in der Verwaltungssprache.

Die Kanzleisprache war von Beginn an eine Art Elitensprache, die Schriftsprache der gebildeten Oberschicht und der Adligen.

Sie sollte sich nicht nur vom Dialekt der einfachen Menschen unterscheiden, sondern auch so konstruiert sein, dass sie von der Bevölkerung gar nicht verstanden werden konnte.

Um so dieses Obrigkeitsverhältnis zwischen den Ebenen ganz deutlich zu machen und das eben auch über Sprache.

Ja, aus der Verwaltungssprache kommt übrigens auch das historisch gesehen längste deutsche Wort, für das ich jetzt erstmal ein bisschen Luft holen muss.

Rindfleisch-Etikettierungs-Überwachungsaufgaben-Übertragungsgesetz mit ganzen 63 Buchstaben.

Die deutsche Sprache hat nämlich noch eine Eigenart.

Sie erlaubt es, neue Wörter zu erfinden.

Oder hättet ihr vor der Corona-Pandemie gewusst, was Freitesten bedeutet?

Während der Corona-Pandemie haben wir gesehen, dass die deutsche Sprache mit, ich glaube, fast 3000 neuen Wörtern, ein absoluter Spitzenreiter kann man fast schon sagen, war in der Bildung von neuem Wortschatz rund um ein Phänomen, was dann plötzlich in unsere Welt gekommen ist.

Aber ich glaube, Verwaltungssprache steht immer mal wieder vor dem Problem, dass es eben ja neue Verordnungen gibt zu irgendwelchen neuen Themen.

Und dann muss man sich halt überlegen, haben wir da jetzt schon ein Wort dafür?

Mittlerweile gibt es in vielen Behörden Versuche, bürgernäher und in einfacher Sprache zu formulieren.

Ich glaube auch, da gibt es noch ganz schön viel zu tun, weil in unserer Welt, in unserem Alltag sehr viel über Bürokratie geregelt ist.

Und da muss auch Verwaltung nicht nur an der Sprache arbeiten, sondern auch an der Komplexität der Bürokratie insgesamt.

Also wenn ein Vorgang total komplex ist von seinem Inhalt her, dann macht es das natürlich für die Sprache auch nicht wirklich leicht.

Mit Beginn des 20.

Jahrhunderts war die Entwicklung des Deutschen zur Standardsprache mit mehr oder weniger einheitlichen Regeln in Deutschland vollendet.

In der Wissenschaft war Deutsch vor dem Ersten Weltkrieg sogar eine der führenden internationalen Sprachen.

In der Zeit des Nationalsozialismus ab 1933 wird die deutsche Sprache dann zum Propaganda-Instrument.

Ganz typisch für den Nationalsozialismus ist die beschönigende Sprache, also die Euphemismen, mit denen die Nationalsozialisten vieles verschleiern wollten, auch die Grausamkeiten ihrer Politik.

Statt Ermordung von Millionen Jüdinnen und Juden hieß es für die Öffentlichkeit scheinbar harmlos Entlösung.

Frontbegradigung war der Rückzug der Armee nach einer Niederlage gemeint.

Wenn von Sonderbehandlung die Rede war, meinten die Nationalsozialisten damit die Tötung von Menschen.

Das sind diese Euphemismen, von denen ich mir gar nicht sicher bin, ob die wirklich als Euphemismen tatsächlich Erfolg hatten.

Weil in ganz, ganz vielen Texten kann man erkennen, dass man wusste, was mit Sonderbehandlung gemeint war oder mit Frontbegradigung.

Die Sprachwissenschaftlerin Heidrun Deborah Kemper forscht zur deutschen Sprache im Nationalsozialismus.

Üblich sei es damals auf Anordnung des NS-Propagandaministeriums auch gewesen, Wörter umzudeuten.

Und zwar so, dass sie zur Ideologie der Nationalsozialisten passten.

Mit Sprache schaffen wir Wirklichkeit.

Und das ist eben auch sozusagen der Funktionsmechanismus von Euphemismen.

Es soll eine andere Wirklichkeit geschaffen werden, als die, die vorliegt sozusagen.

Während des Krieges zum Beispiel durfte nicht von englischen Luftangriffen gesprochen werden, wenn die Bomben fielen, sondern das waren immer Terrorangriffe.

Man musste dieses Phänomen Terrorangriff nennen und durfte es nicht anders nennen.

Ja, und so war also das vom Propagandaministerium gesteuert.

Viele ideologisch aufgeladene Wörter und Euphemismen aus dem Nationalsozialismus verwenden wir heute nicht mehr.

Sprache ist im ständigen Wandel und dazu gehört eben auch immer wieder zu prüfen, was für eine Bedeutung hängt an einem Wort.

Wie Endlösung zum Beispiel.

Oder Phrasen wie Arbeit macht frei.

1957 veröffentlichten Dolph Sternberger, Wilhelm E.

Süßkind und Gerhard Storz das Wörterbuch des Unmenschen.

Darin wurden Wörter und Ausdrücke aufgelistet, die im Nationalsozialismus verwendet wurden, um Verbrechen zu verschleiern.

Aber auch Wörter, die damals im NS-Staat beliebt wurden und die wir heute noch benutzen.

Wie zum Beispiel das Wort betreuen.

Man betreut jemanden und damit basta.

Dieses Verhältnis ist ein totales.

Die Betreuung ist diejenige Art von Terror, für die der jemand, der Betreute, Dank schuldet.

Und das tut dem Unmenschen wohl.

Im Wörterbuch des Unmenschen hieß es, man solle das Wort nicht mehr verwenden.

Aber bis heute sagen wir zum Beispiel Kinderbetreuung.

Aber wie man sieht, man braucht dieses Wort, wenn man einen bestimmten Sachverhalt eben beschreiben will.

Und insofern ist dieses Wort nicht verschwunden sozusagen.

Andere Wörter, die auch eben in diesem Wörterbuch stehen, zum Beispiel charakterlich.

Ja, charakterlich war ein beliebtes Wort bei den Nazis.

Charakter zu haben war wichtiger als Intelligenz zu haben zum Beispiel.

Charakterliche Stärke.

Also so gibt es eine ganze Reihe von Wörtern, die man nicht vermeiden kann.

Also wichtig ist mir an der Stelle immer, dass wir ein Bewusstsein haben, dass wir wissen, wie ein bestimmtes etwas anrüchiges Wort, sagen wir mal, in der NS-Zeit verwendet wurde, wie eben betreuen.

Und dass wir dann aus diesem Wissen heraus aber sagen, ich brauche das Wort heute und meine damit natürlich etwas ganz anderes oder meines nicht im NS-Sinn oder so.

Also das Bewusstsein über die Geschichte bestimmter Wörter, das ist viel wichtiger.

Die deutsche Sprache wandelt und entwickelt sich seit mehr als 1200 Jahren.

Wörter, die früher selbstverständlich waren, klingen heute veraltet oder sind ganz verschwunden.

Dafür sind viele neue Begriffe eingegangen oder entstanden, die es im 19.

Jahrhundert noch gar nicht gab.

Atomenergie ist so ein Wort oder Sonnenkollektor.

Und genau darüber spreche ich jetzt mit Simon Meier-Fieracker.

Er ist Sprachwissenschaftler und Professor für angewandte Linguistik an der TU Dresden und sein besonderes Forschungsinteresse gilt der Fußballsprache.

Darüber werden wir auch gleich noch sprechen.

Aber jetzt erstmal Simon, hallo, schön, dass du heute hier bei uns bist.

Hallo.

Du beschäftigst dich mit Sprachwandel und ich hätte direkt zu Beginn mal ein paar Fragen oder beziehungsweise ein paar Wörter, bei denen ich mir nicht ganz sicher bin, wie man das eigentlich genau formuliert.

Heißt es denn, ich bug oder ich backte?

Es geht beides.

Das ist ein bisschen eine Geschmacksfrage und ein bisschen die Frage, ob man möglicherweise schräg angeschaut werden möchte.

Wenn man das möchte, dann kann man Bug verwenden.

Damit fällt man auf jeden Fall auf, weil es die altertümliche und wir würden in der Linguistik sagen, die markierte Form ist.

Backte, würde ich sagen, ist alltagstaugliche.

In deinem Buch verwendest du eine ganz schöne Metapher, nämlich die vom Trampelpfad im Park, dem immer mehr Menschen folgen, bis man dann so eine Spur hat und irgendwann ist es so ein offizieller Weg.

Wie viele Menschen müssen denn so einem Trampelpfad folgen im übertragenen Sinne, bis Bakte zur Norm in der deutschen Sprache werden?

Also wirklich pauschal kann man das nicht sagen, aber schon mehr als nur ein paar.

Das ist, glaube ich, klar.

Ich habe im Buch auch ein Kapitel über die Angewohnheit junger Menschen auf Social Media das Wörtchen N mit NH zu schreiben.

Und das ist aber eine Regel, die sich ganz bestimmt nicht durchsetzen wird.

Das wird immer ein Nischenphänomen bleiben, auch wenn es viele sind, aber bei weitem nicht die Mehrheit.

Aber es ist nicht immer so, dass es wirklich eine Mehrheitsentscheidung sein muss, aber ich würde mal sagen, schon eine kritische Masse.

Jetzt hast du gerade das Beispiel nö genannt und ich habe es jetzt endlich verstanden.

Ich habe mich schon immer gefragt, warum das so geschrieben wird.

Jetzt kapiere ich, was dahinter steckt.

Und das ist ja so ein Ding, das sich über Social Media, du hast es gerade beschrieben, entwickelt hat.

Und da gibt es schon einige Menschen, die sagen, Social Media macht unsere Sprache kaputt.

Unsere Sprache ist im Niedergang.

Warum ist es deiner Meinung nach, so schreibst du es zumindest in deinem Buch, Quatsch, dass unsere deutsche Sprache immer mehr verunstaltet wird?

Die Frage ist, ob wir sagen können, das Deutsche als Sprache geht vor die Hunde und können wir sagen, dass Social Media sozusagen der eigentliche Grund- und Hauptaustragungsort dieses Niedergangs ist.

Und da wäre ich vorsichtig.

Wir müssen uns klarmachen, dass wir es gewohnt sind, über geschriebene Texte, vor allem am Beispiel von gedruckten Texten, Büchern, mit Zeitungstexten und so weiter nachzudenken, für die es recht klare schriftsprachliche Normen gibt, die fürs mehrmalige Lesen gemacht sind und so weiter.

Und das ist das, was wir normalerweise mit gutem geschriebenen Deutsch verbinden.

Und wenn wir jetzt Social Media aufmachen und schauen, wie da geschrieben wird, wenn wir unsere WhatsApp-Chats durchscrollen, wenn wir YouTube-Kommentare lesen, dann sehen wir, dass das massiv davon abweicht, was wir normalerweise von schriftlichen Texten gewohnt sind.

Das fängt an mit häufig keine Groß- und Kleinschreibung mehr.

Wenig Interpunktion, viele Abkürzungen, sehr stark orientiert am mündlichen Sprachgebrauch, auch was die Grammatik anbelangt, Emojis und so weiter.

Aber wir dürfen das nicht direkt vergleichen, weil diese Texte auf Social Media einfach anderen Anforderungen genügen als geschriebene Texte.

Sie müssen schneller produziert werden.

Sie müssen im Moment verständlich sein, aber auch nur in diesem Moment.

Und was wir auf Social Media beobachten können, die neuen sprachlichen Formen sind eigentlich Anpassungen an diese neuen Kommunikationsanforderungen.

Da zeigen sich Schreibende ausgesprochen kreativ und auch situationsbewusst und das ist eigentlich was, was die deutsche Sprache nur bereichert.

Ein Problem wäre es dann, wenn wir zeigen könnten, dass die schriftsprachlichen Kompetenzen wegen Social Media insgesamt zurückgehen.

Also, dass insgesamt keine Kommasetzung mehr korrekt gesetzt werden kann und dass insgesamt korrekte Grammatik verloren geht.

Und da gibt es keine Hinweise, auch aus Studien, die sich den Sprachgebrauch von Schülerinnen und Schülern anschauen.

Die wissen sehr genau zu unterscheiden, ob sie jetzt auf Social Media sich befinden oder ob sie einen Schulaufsatz schreiben und entsprechend passen sie sich an.

Ist es denn manchmal so, dass erstmal Regeln gebrochen werden müssen, damit sich Sprache weiterentwickeln kann, sich auch neu erfinden kann?

Ganz genau so ist es.

Wenn Regeln immer zu 100 Prozent eingehalten würden, dann würde sich Sprache nicht weiterentwickeln.

Sie hat sich aber weiterentwickelt.

Wenn wir Texte von vor 100, vor 200 und vor 300 Jahren lesen, dann fällt uns das ja unmittelbar auf, dass sich an verschiedensten Stellen was ändert.

In der Grammatik, in der Rechtschreibung, im Wortschatz.

Und das hätte gar nicht passieren können, wenn es nicht früher auch schon Regelbrüche gegeben hat.

Ein bisschen hat sich jetzt die Lage geändert, weil wir seit 150 Jahren ja wirklich auch Standardisierung haben und Kodizes, wie wir sagen.

Sowas wie ein amtliches Regelwerk sogar, wo es also wirklich dann auch quasi gesetzlich vorgeschrieben ist, was die korrekte Schreibung ist.

Das gab es vor 300 Jahren nicht und deswegen ändert sich natürlich auch die Frage, wie können wir überhaupt gegen Regeln verstoßen.

Aber prinzipiell wird es immer so sein, dass Sprachwandel dadurch zustande kommt, dass gegen Regeln verstoßen wird.

Und dann irgendwann sind diese Regelverstöße dann gleichberechtigte Varianten und nochmal weiter werden sie dann irgendwann selbst zur Norm.

Irgendjemand muss diese Regeln und Normen ja aber auch festlegen.

Wer hat das denn in der Vergangenheit gemacht und wer legt das heute fest?

In der Vergangenheit waren das alte weiße Männer, um es mal so zu sagen.

Also das sind Sprachgelehrte gewesen.

Denken wir an die Brüder Grimm oder so Sprachwissenschaftler wie Adelung oder der Dichter und Philosoph Gottschett, die den Sprachgebrauch beobachtet haben und dann selektiert haben, was sind korrekte Varianten und was hingegen gilt als sogenannter niederer Sprachgebrauch.

Und so wurde dann in der kollektiven Anstrengung aber eben von den gesellschaftlich Mächtigen, von der gebildeten Elite, wurde dann festgelegt, was korrekt ist.

Inzwischen hat sich es ein bisschen verschoben.

Inzwischen sind es vor allem Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwissenschaftler, die Sprachstandserhebungen machen und die arbeiten dann in Wörterbuchredaktionen beim Duden zum Beispiel.

Und die beobachten einfach, wie wird denn geschrieben?

Und auf Grundlage dessen, was sie beobachten können, treffen sie dann wiederum Entscheidungen, wo ändert sich möglicherweise die Sprache, wo können wir Regelanpassungen vornehmen, wo sind wir vielleicht sogar gefordert, sie vorzunehmen, weil sich der allgemeine Sprachgebrauch weiterentwickelt hat.

Und so sind es dann immer noch Expertenentscheidungen und die legen dann in vielen, vielen Abstimmungsrunden dann fest, was ins Regelwerk aufgenommen wird.

Jetzt sagst du gerade, die gucken genau hin, was häufig formuliert wird und übernehmen das dann.

Könnte es tatsächlich sein, dass der Dativ irgendwann den Genitiv tötet?

Nein, glaube ich nicht.

Das gibt insgesamt eine Tendenz zum Kasusabbau im Deutschen.

Es gibt auch genug Fälle, wo der Genitiv den Dativ verdrängt.

Nehmen wir mal die Präposition Dank zum Beispiel.

Dank des beherzten Eingreifens der Passanten, würden wir sagen, ist niemand ernsthaft zu Schaden gekommen oder so.

Also dank mit Genitiv-Dess und das ist tatsächlich eine neue Form, die sich erst in den letzten so 30 Jahren ungefähr entwickelt hat.

Früher war allein dank dem korrekt.

Ähnlich verhält es sich bei Trotz.

Ursprünglich wurde Trotz mit Dativ verwendet vor einigen hundert Jahren und dann hat sich mehr und mehr auch die Genitiv-Form durchgesetzt.

Und so können wir viele andere Beispiele mehr bringen, wo es gegenläufige Tendenzen gibt zum Tod des Genitivs.

Davon unbenommen sind natürlich Beobachtungen, wie dass wir sowas wie Werde-Mitglied von unserem Team, Werde-Teil von unserem Team lesen wir auch in Stellenausschreibungen und nicht mehr Werde-Teil unseres Teams.

Das wäre vor 20, 30 Jahren noch als sehr mündlich umgangssprachlich aufgefallen.

Inzwischen fällt es den Leuten, die die Stellenausschreibungen verfassen, gar nicht mehr auf.

Mir selber ging es so.

Ich habe auch damals, als ich die Professur angetreten habe, Ich habe auf Twitter meine Stellenausschreibung geteilt und habe auch Werdeteil von unserem Team geschrieben, ohne dass ich darüber nachgedacht hätte.

Und das sind ja Zeichen, dass es tatsächlich hier zu diesem Genitivabbau kommt.

Und du hast gerade schon vom Team gesprochen und ich versuche jetzt mal eine ganz schlechte Überleitung zu machen, wie sie im Fußball auch in den Kommentatoren-Texten oft stattfindet.

Kommen wir zu Fußballteams, denn das ist ein Spezialgebiet, die Fußballsprache.

Die Regeln im Fußball kamen am Anfang aus England, gilt ja auch als Mutterland des Fußballs.

Da hat man sich alles abgeguckt und hat auch versucht, Dinge einzudeutschen.

Das hat aber, muss man sagen, nicht immer so gut funktioniert.

Hast du da mal ein Beispiel für?

Also die...

Ursprüngliche Fußballsprache, du hast es gesagt, ist vornehmlich englisch gewesen.

Und das war im ultranationalistischen Deutschland des Kaiserreichs vielen Leuten ein Dorn im Auge.

Dann hat man befürchtet, dass es die Jugend verdirbt, wenn diese englische Fußlömelei den ganzen Tag sich damit beschäftigen.

Und dann auch noch diese vielen Anglizismen.

Da hat man befürchtet, dass da so die nationale Identität darunter leidet.

Und dann gab es einen Gymnasiallehrer und Fußballpionier, der gesagt hat, wenn wir Fußball wirklich zu einem deutschen Spiel machen wollen, was Reit akzeptiert mit der Gesellschaft, dann müssen wir auch die Fußballsprache eindeutschen.

Und hat dann einfach ganz systematisch die Termini übersetzt oder versucht, Entsprechungen zu finden.

Das hat in vielen Fällen funktioniert.

Aus Kickoff wurde der Abstoß, aus Offside wurde Abseits.

Aber aus dem Käpt'n sollte der Fußball-Kaiser werden.

Das hat sich nicht durchgesetzt und genauso sollte das Goal ursprünglich Mal genannt werden, statt Tor.

Man hat dann aber festgestellt, dass sich im Gegensatz zu Goal das Wort Mal nicht so gut grölen und brüllen lässt.

Und deswegen hat er dann noch ein anderes Wort gesucht, was allein vom Klang her näher ein Goal ist und so kam die Idee, das ganze Tor zu nennen.

Vielleicht hören wir da mal ganz kurz rein mit Ausschnitten aus typischen Fußball-Bundesliga-Reportagen.

Beide spielen heute mit voller Kapelle.

Aber Lautern versucht alles im Angesicht des Abgrunds.

Die Bayern weiter im Vorwärtsgang.

Wagner vergibt, so kommt man eben in die Hölle.

Mehr als ein Warnschuss ist es dann doch nicht in Minute 6.

Was auch immer auffällt, ist, dass es eine sehr militärische Sprache ist.

Der Sturm zum Beispiel, der Angriff.

Woher kommt das denn?

Als der Fußball aufkam und populär wurde im Kaiserreich, Das war eine ultranationalistische Gesellschaft und eine hochmilitarisierte Gesellschaft, wo also das Militär allerhöchstes Ansehen genoss.

Und in so einem gesellschaftlichen Milieu hat natürlich dann eine militärische Metaphorik viel größere Chancen, sich durchzusetzen.

Und hat es bis heute auch geschafft zu bestehen.

Da gibt es ja jede Menge Phrasen, das Runde muss ins Eckige, das Spiel lebt von der Spannung, ein Spiel geht 90 Minuten und so weiter.

Und die Spieler in den Interviews immer, wir müssen von Spiel zu Spiel denken.

Also gibt es sehr viel.

Was fasziniert dich denn so sehr an der Fußballsprache, die ja doch oft sehr einfach ist?

Einfach, repetitiv, aber auch gleichzeitig bildreich.

Ja, ist einfach eine sehr ertragreiche Schatzkiste, die man da öffnet für sprachwissenschaftliche Untersuchungen aller Art.

Und was mich auch immer fasziniert hat, ist, dass der Fußball so eine Projektionsfläche für alles Mögliche ist.

Ja, also dass wir aus den unterschiedlichsten metaphorischen Quellbereichen, wie wir sagen, da unsere Vergleiche ziehen.

Es gibt Theatermetaphern.

Wir sprechen vom Mittelfeldregisseur zum Beispiel, vom Statisten.

Es gibt die ganze Militärmetaphorik, von der wir schon gesprochen haben, aber es gibt auch kulinarische Metaphern und vieles andere mehr.

Und wir können eigentlich sagen, alles, was eine Gesellschaft bewegt und umtreibt, kehrt dann im Fußballdiskurs wieder, aber sozusagen auf eine spielerische Ebene gehoben.

Und das finde ich interessant.

Das stimmt, ja.

Und wenn wir jetzt über die Phrasen sprechen, dann könnte man schnell zu dem Schluss kommen, naja, das ist eigentlich nur eine Aneinanderreihung verschiedener Phrasen, wenn es um Spielberichte geht oder um Kommentatorentexte.

Wäre das nicht eine Sache, die man ganz einfach künftig mit KI auch lösen könnte?

Ja, ja, klar.

Wenn wir uns mal über den Ärmelkanal nach England bewegen und da mal versuchen.

Live-Ticker zu finden, die noch von Menschen geschrieben werden, wird uns das nicht gelingen.

Das ist alles in maschineller Hand inzwischen.

Ob sie dann noch gelesen werden, ist die andere Frage, denn ich würde mal vermuten, Menschen haben doch immer noch ein Bedürfnis, menschliche Perspektiven zu lesen und wollen nicht so sehr einfach nur lesen müssen, was ein Computer generiert hat.

Und speziell beim mündlichen Kommentar ist natürlich auch noch wesentlich mehr drin.

Da ist die ganze Emotionalität, die Stimmlage, die uns da so packt, wenn wir zum Beispiel Radioreportagen hören.

Und das ist, glaube ich, nichts, was sich Redaktionen trauen werden, an Maschinen zu übertragen.

Ja, sehe ich genauso.

Vor allem, wenn es um KI geht, dann ist es ja auch so, dass die KI nur das verarbeiten kann, was ihr irgendwann mal zugefüttert worden ist.

Da wäre auch die Frage, was passiert denn, wenn immer mehr Texte über KI generiert werden?

Kann es sein, dass unsere Sprache damit dann deutlich eingeschränkt wird, weil Dinge, die dann nicht bei diesem Futter dabei waren, ausgeblendet werden?

Ja, also da gibt es tatsächlich Gedankenexperimente von Philosophen.

Benjamin Bracken, glaube ich, heißt der, der arbeitet mit dem Bild der Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt.

Also was passiert, wenn die KIs, die wir trainieren, nur noch oder immer mehr mit Texten trainiert werden, die sie selbst produziert haben?

Das könnte dazu führen, aber das ist reine Spekulation, dass die Sprache sozusagen immer mehr einfriert.

Denn KIs sind letztlich konservativ.

Sie bewahren den Sprachstand, den sie eben vorfinden in ihren Trainingsdaten und sind gerade nicht dazu in der Lage, wirklich kreativ Sprache neu voranzubringen.

Und wie sich das auf Dauer entwickelt, ja, weiß kein Mensch.

Da hilft es einfach nur zuzuwarten und achtsam und kritisch zu sein.

Gibt es denn als abschließende Frage ein Wort oder eine Formulierung relativ neu, bei dem du sagst, das gefällt dir besonders gut, das finde ich so eine schöne Neuschöpfung, das sollte doch jetzt in den offiziellen Sprachgebrauch übernommen werden?

Ach, das weiß ich ehrlich gesagt gar nicht.

Ich werde oft gefragt, ob ich ein Lieblingswort habe.

Ich habe kein Lieblingswort.

Und es gibt auch jetzt nicht so eine besondere Formulierung, von der ich wollen würde, dass sie sich allgemein durchsetzt.

Ich beobachte, wie die Leute sprechen und habe Freude daran, dass sie so kreativ und erfindungsreich sind.

Vor allem im Fußball.

Wie gesagt, darüber sprechen wir dann vielleicht an anderer Stelle noch mal ausführlicher.

Ganz herzlichen Dank dir auf jeden Fall für den Einblick in die deutsche Sprache und in deren Entwicklung.

Ich danke sehr für das Interesse.

Eher keine Entwicklung, sondern praktisch eine Anordnung von oben, war die Rechtschreibreform von 1996, die gründlich schief ging.

Ziel war es, die deutsche Rechtschreibung zu vereinfachen.

Auf einmal sollte Thunfisch ohne H und Geograph mit F geschrieben werden.

Das scharfe S wurde fast ganz abgeschafft und alles Mögliche sollte jetzt groß statt wie vorher klein geschrieben werden.

Sofort hagelte es in Deutschland von allen Seiten Kritik.

Verlage und Nachrichtenagenturen wie die Deutsche Presseagentur gaben eigene Leitlinien heraus, die viele Vorgaben der Rechtschreibreform einfach ignorierten.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung zum Beispiel rief gleich zum Boykott auf.

In den Zeitungen war von Chance Vertan oder Rechtschreibreform gegen das Volk die Rede.

Unlogisch und inkonsequent waren noch die freundlicheren Umschreibungen für die Reform, die von den Kultusministerien der Länder damals beschlossen worden sind.

Ich war damals in der vierten Klasse und völlig verwirrt.

Zuerst haben wir das Alte gelernt, dann das Neue.

Wir wussten überhaupt nicht mehr, was wir schreiben sollten.

In seiner langen Geschichte gab es für die Sprachregelung des Deutschen keine behördlichen Anordnungen oder Gesetze.

Jetzt wollte man das ändern und altbewährtes neu regeln.

Und das konnte einfach nicht gut gehen.

Und so kam die Reform der Reform.

Allerdings erst im Jahr 2006.

Jetzt durfte man Geograph mit F schreiben oder mit PH.

Den Thunfisch wieder mit oder ohne H.

Leider hat diese Reform uns dann aber das eine oder andere Wortungetüm gebracht.

Zum Beispiel die Schifffahrtsgesellschaft mit drei F.

Lehrerinnen und Schülerinnen waren über die neue Reform nicht besonders glücklich.

Wahrscheinlich haben sie sich gedacht, das ist ein Vereinfach.

Aber eigentlich ist es ja nur noch schwieriger, weil jetzt alle total durcheinander sind.

Also ich finde es jetzt auch blöd, ehrlich gesagt, weil man kann gerade die erste, also die alte Rechtschreibung, jetzt muss man schon wieder eine neue lernen.

Also ich komme selber durcheinander.

Ich fand, dass die Reform, die erste Reform in vielen Fällen unlogisch war und tatsächlich zum Auswendiglernen geführt hat.

Man musste viele Ausnahmen lernen und die werden jetzt freigestellt.

Also ich denke, es ist eine Verbesserung, eine Vereinfachung, die zweite Reform.

Und deswegen finde ich eigentlich, dass es gut so ist.

Aber wie ist das heute in der Schule?

Genau darüber spreche ich jetzt mit Nikolaus Schmelzer, zurzeit vielleicht einer der bekanntesten Deutschlehrer der Republik mit mehr als 250.000 Followern auf TikTok und Instagram.

Ich höre von vielen Schülern, die sagen mit vollem Bewusstsein, ja komm, die setze ich halt nicht.

Weil ich weiß nicht genau wie und ich habe es nie so richtig gebraucht.

Und ich glaube schon, dass in der textgebundenen Welt, in der SchülerInnen sich bewegen, wenn man das beobachtet, man auch sehen kann, dass Zeichensetzung einfach nicht mehr so wichtig ist.

Also die Kommunikation funktioniert und wenn die Kommunikation ihr Ziel erfüllt, dann senkt es wahrscheinlich auch den Anreiz, Zeichensetzung und so weiter in der Form zu nutzen.

Und das kann man auch ein Stück weit nachvollziehen, finde ich, als Lehrer.

Arbeiten müssen wir daran natürlich trotzdem.

Aber wie begeistert man heute Schülerinnen und Schüler für die deutsche Sprache in all ihren Facetten?

Nikola Schmelzer hat mit seinem besonderen Ansatz Schlagzeilen gemacht.

Er nutzt im Deutschunterricht auch Texte von bekannten und durchaus umstrittenen Rappern, wie Haftbefehl.

Ich würde schon sagen, dass man die Gedichtanalyse fast genauso machen kann wie mit einem Eichendorftext.

Also wenn ich jetzt Mondnacht nehme und nebendran dann 069 halte von Haftbefehl, dann kann man damit ziemlich ähnlich arbeiten.

Es war, als hätte der Himmel die Erde stillgeküsst, dass sie im Blütenschimmer von ihm nun träumen müsst.

06, 06, 09!

Das ist Alltagslyrik, da gibt es natürlich ein ganz anderes Sprachbild, aber genau darüber will man ja auch reden, wenn man das benutzt.

Und wenn man dann diese Metapher eben analysiert und dadurch selber merkt, okay, auch diese Alltagslyrik hat irgendwie ihre Kunst, dann ist das, finde ich, durchaus wertvoll.

Also wenn ich natürlich die Standardsprache, die schriftlich geboten ist, üben möchte, dann brauche ich natürlich auch einen Ausgangstext, der diese erfüllt.

Außer ich würde hingehen und würde zum Beispiel eine Eigentextproduktion machen und sagen, ey, schau dir doch jetzt mal 069 hier an.

Schreibt das mal, als hätte es Hölderlin geschrieben.

Und übrigens, das Crazy ist das Jugendwort 2025, werden die meisten auch schon mitbekommen haben.

Das heißt so viel wie OK oder Aha.

Eine Antwort auf die Frage, welches ist das schönste deutsche Wort, die gibt es auch.

2004 wurde es in einem internationalen Wettbewerb gekürt.

Gewonnen hat das Wort Habseligkeiten.

Für die Jury beschreibe das Wort mit einem freundlich-mitleidigen Unterton, wie wenig man eigentlich besitze.

Augenstern und Purzelbaum kamen übrigens auch unter die ersten zehn.

Und 2023 hat das Sprachmagazin Deutschperfekt nach einer Umfrage Kuddelmuddel zum beliebtesten Wort erklärt.

Auch sehr schön für dich.

Mir gefällt das Wort Pampelmuse sehr gut.

Ich finde, das zaubert einem immer so ein Lächeln auf die Lippen.

das klingt besonders, verwendet man nicht so oft und irgendwie würde ich es am liebsten jeden Tag mehrfach irgendwo in den Raum rufen, aber es ergibt ja nicht so viel Sinn, denn so oft ist man Pampelmusen jetzt auch wieder nicht.

Aber vielleicht ist auch das das Besondere, dass man es eben nicht so häufig verwendet.

Wenn ihr auch ein Lieblingswort habt, dann schreibt es uns sehr gerne per Mail oder auf Terra X History bei Instagram.

Ich bin sehr gespannt, was ihr uns da durchgebt.

Dieser Podcast hier endet an dieser Stelle, ist eine Produktion von Objektiv Media im Auftrag des ZDF.

Die Autorinnen waren wie immer Janine Funke und Andrea Kahr.

Sie sind beantwortlich für Buch und Regie.

Für die technische Umsetzung und Gestaltung verantwortlich ist Sascha Schiemann.

Redaktion im ZDF hatte Katharina Kolbenbach und mein Name ist Mirko Drotschmann.

Ich sage danke fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal.

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