Episode Transcript
Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge Aktenzeichen XY – Unvergessene Verbrechen.
Mein Name ist Rudi Zerne.
Und ich bin Conny Neumeyer.
Schön, dass ihr zuhört.
Rudi, unser heutiger Fall ist ja gleich aus mehreren Gründen besonders.
Zum einen, weil es um einen Mord ohne Leiche geht.
Solche Fälle hatten wir im Podcast aber schon in der Vergangenheit.
Das ist ja aber noch nicht alles.
Nein, tatsächlich nicht.
Der Fall ist auch deshalb besonders, weil im Laufe der Ermittlungen gleich mehrere äußerst merkwürdige Hinweise aufgetaucht sind.
Ganz unterschiedliche kleine Puzzlestücke, die auf den ersten Blick überhaupt nicht zusammenpassten.
Aber zu alledem kommen wir natürlich gleich noch.
Jetzt begrüßen wir wie immer erstmal unseren heutigen Gast.
Bei uns ist Kriminalhauptkommissar Michael Bothe von der Polizei Goslar.
Er war an den Ermittlungen zu diesem Fall von Anfang an beteiligt.
Herzlich willkommen, Herr Bothe.
Schönen guten Tag, hallo, grüße euch auch.
Herzlich willkommen.
Ja, ein paar Besonderheiten in diesem Fall haben wir ja schon angerissen.
Angerissen, aber es gibt auch noch ein sehr spannendes Detail.
Im Lauf der Ermittlungen gerät ein Polizist nämlich unter Verdacht.
Und wie die Polizei vorgeht, wenn sie gegen jemanden aus ihren eigenen Reihen ermitteln muss, darüber haben wir mit Professor Dr.
Thomas Feltes gesprochen.
Er ist Jurist und Sozialwissenschaftler und war lange Jahre Professor für Kriminologie, Kriminalpolitik und Polizeiwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum.
Bevor wir aber dazu kommen, machen wir einen Sprung zurück zu dem Tag, an dem das Opfer spurlos verschwand.
Alle Namen haben wir geändert.
Es ist der 13.
April 2021.
Holger Borowski lebt mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen in einem Haus in einem kleinen Dorf gut 15 Autominuten von Goslar entfernt.
Er arbeitet als Hausmeister in einem Ausbildungszentrum im rund 80 Kilometer entfernten Hannover.
Dienstbeginn ist dort bereits um 7 Uhr morgens.
Der Familienvater muss also früh aus dem Haus.
In der Regel macht er sich schon um 5.30 Uhr auf den Weg zur Arbeit.
Für seine Frau Maike und die Söhne ist es deshalb nicht ungewöhnlich, dass sie den Familienvater an diesem Dienstagmorgen nicht mehr zu Hause antreffen.
Trotzdem ist etwas seltsam.
In der Küche stehen Toast und Tee.
Holger Borowski hatte sich offenbar wie immer Frühstück vorbereitet, es aber nicht angerührt.
Außerdem liegen sein Handy und seine Geldbörse noch auf der Arbeitsfläche.
Und auch seine Medikamente und seinen Arbeitsrucksack hat er nicht mitgenommen.
Dafür fehlt der Rucksack seines Sohnes, der erst etwas später los muss.
Die Rucksäcke von Vater und Sohn haben in der Küche ihre festen Plätze, doch womöglich hatte Holger Borowski in Eile den Falschen gegriffen.
Für seine Familie sieht es so aus, als hätte der 51-Jährige das Haus an diesem Morgen ziemlich kopflos und überstürzt verlassen.
Sein Auto, ein blauer Kleintransporter, ist jedenfalls weg.
Vielleicht hatte der Vater verschlafen und musste schnell los.
So erklären sich seine Frau und seine Söhne die Situation.
In solchen Fällen ist es in der Vergangenheit schon vorgekommen, dass Holger Borowski sein Handy oder ähnliches vergessen hatte.
Sorgen macht sich die Familie erst, als er sich tagsüber nicht meldet und nachmittags auch nicht wieder nach Hause kommt.
Die Angehörigen erkundigen sich bei den Arbeitskollegen in Hannover.
Dabei erfahren sie, dass Holger Borowski an diesem Tag nicht zur Arbeit erschienen ist.
Hatte er auf dem Weg dorthin vielleicht einen Unfall?
Um das herauszufinden, telefoniert die Familie mehrere Krankenhäuser in der Umgebung ab.
Aber auch dort keine Spur von ihm.
Schließlich meldet die Familie den Ehemann und Vater gegen 20 Uhr bei der Polizei als vermisst.
Musik.
Herr Bothe, als die Familie bei der Polizei angerufen hat, war Holger Borowski ja noch keine 24 Stunden verschwunden.
Wie ist man mit der Vermisstenanzeige denn überhaupt umgegangen?
Die Kollegen sind zunächst mal zur Familie gefahren.
Das sind die Kollegen, die im Schichtdienst waren.
Sie haben sich dort die Situation schildern lassen und sich auch schon mal das Haus und die Umgebung angeschaut.
Dabei ist Ihnen aufgefallen, dass zwei Flecken vorhanden sind mit einer roten Flüssigkeit, zum einen auf der Terrasse und zum anderen im Garten.
Das sah zunächst aus wie Blut.
Bei solchen Ansätzen wird die Polizei natürlich dann sofort aktiv und wartet nicht diese besagten 24 Stunden, egal wie lange da jemand schon vermisst ist.
Wie sahen dann Ihre ersten Schritte aus mit den Ermittlungen?
Ich bin am nächsten Morgen dann als Sachbearbeiter eingeteilt worden, weil bei uns im Fachkommissariat eben die Vermisstenanzeige bearbeitet wird.
Zunächst habe ich mich eingelesen, habe dann auch von diesen Flecken gelesen und bin circa zwei Stunden später zusammen mit einem Team der Spurensicherung zur Familie gefahren, um mir alles selbst nochmal anzuschauen.
Zunächst war da der größere Fleck auf der Terrasse am Hintereingang.
Der hatte einen Durchmesser von circa 15 bis 20 Zentimetern.
Des Weiteren ist uns noch ein kleinerer Fleck auf der Rasenfläche aufgefallen.
Der war teilweise auch schon eingesickert.
Von diesem Fleck aus war eine Schleifspur entlang des Geländes bis hoch zur Grundstücksgrenze zu sehen.
Auch das war für uns sehr auffällig.
Von diesen Flecken haben wir dann dementsprechend Proben genommen und zusammen mit Vergleichsmaterial von dem Vermissten dann zum Landeskriminalamt zur Untersuchung geschickt.
Rein theoretisch hätte es ja auch Tierblut sein können.
Gab es sonstige Hinweise vor Ort, die darauf hingedeutet haben, was mit Holger Borowski passiert ist?
Wir haben uns ja da im Garten auch umgeschaut und haben am Grundstücksende auch noch eine defekte Brille aufgefunden.
Diese gehörte eben dem Herrn Borowski.
Das haben wir mit der Familie abgeklärt.
Die Familie hat uns auch mitgeteilt, dass der Herr Borowski auf seine Brille angewiesen gewesen ist, gerade auch beim Autofahren.
Er hatte keine Kontaktlinsen und würde ohne Brille nicht fahren können.
Außerdem ungewöhnlich und besorgniserregend für die Familie war, dass Herr Borowski seine Tabletten nicht genommen hatte.
Er hatte 2018 einen Herzinfarkt und Mitte 2020, ein knappes Jahr vor dem Verschwinden, einen zweiten.
Aus diesem Grund war er halt auf Medikamente angewiesen, unter anderem auf Blutverdünner.
Diese Tabletten waren für ihn lebenswichtig und blieben im Haus zurück.
Also ein Mann lässt scheinbar von einem Moment auf den nächsten alles stehen und liegen und verschwindet.
Dazu hinterlässt er mutmaßlich eine größere Menge Blut und Schleifspuren im Garten.
Wie war denn Ihr Bauchgefühl an diesem ersten Ermittlungstag?
Ja, aus so einer Lage heraus ergibt sich natürlich sofort ein ungutes Gefühl, dass etwas passiert sein könnte.
Ob nun ein Unfall oder irgendwas anderes, das sei dahingestellt.
Aber auf jeden Fall hat man ein sehr ungutes Gefühl.
Laut der Familie wäre es auch absolut unüblich gewesen, dass der Vater einfach so für eine gewisse Zeit verschwindet, ohne sich zu melden.
Die Angehörigen selbst machten ebenfalls einen ehrlich angefassten Eindruck, da war nichts gespielt.
Alle machten sich große Sorgen um den Ehemann und Vater.
Hätte es denn sein können, dass Holger Borowski seine Familie verlassen wollte und deswegen einfach abgehauen ist?
Dass die Blutflecken vielleicht sogar inszeniert waren?
Das waren sicherlich auch Gedanken, die in Betracht gezogen wurden.
Allerdings wurde uns das Familienleben als sehr harmonisch beschrieben.
Die Familie hat insgesamt viel zusammen unternommen.
Der Vater und sein ältester Sohn waren gemeinsam in mehreren Gruppen aktiv.
Das heißt, sie haben zusammen Dart gespielt, sie waren zusammen angeln.
Die Familie hat insgesamt sehr viel Zeit miteinander verbracht, sogar inklusive der Freundinnen der Söhne.
Auch bei den Arbeitskollegen, bei denen wir nachgefragt haben, gab es keinen Hinweis darauf, dass Herr Porowski möglicherweise freiwillig von zu Hause weg ist und sich von der Familie hat trennen wollen.
Außerdem hätte er auch beim Verschwinden seine Medikamente gebraucht.
Wir haben auch dann überprüft, ob er sich möglicherweise beim Hausarzt weitere Medikamente besorgt hat.
Das war allerdings auch negativ.
Von daher gab es da keinen Hinweis darauf, dass er tatsächlich freiwillig verschwunden ist.
Sie haben am Tag nach seinem Verschwinden auch die Nachbarschaft befragt.
Hat sie das weitergebracht?
Zunächst mal wurde die Familie Borowski auch von den Nachbarn als sehr harmonisch, soweit man das als Nachbar beurteilen konnte, beschrieben.
Und wir haben die natürlich auch gefragt, ob jemand etwas an den frühen Morgenstunden des 13.
April aufgefallen ist, in dem Zeitraum, als Herr Borowski mutmaßlich verschwunden ist.
Es gab dazu insgesamt tatsächlich zwei interessante Hinweise.
Ein Nachbar, der gegenüber wohnte, sagte, dass er zwischen 4.45 Uhr und 5.30 Uhr eine Taschenlampe im Garten der Familie leuchten gesehen hatte.
Der Nachbar hat allerdings geglaubt, dass jemand die Katze gesucht hat.
Die Familie hatte eine Katze, die sie üblicherweise über die Terrasse rein- und rausgelassen hat.
Und es gab noch eine Dame in der Nebenstraße, die hat darauf hingewiesen, dass am frühen Morgen dort ein Pkw vor der Tür gestanden hat, der dort nicht hingehörte.
Dieses Dorf war relativ klein, sodass sowas auffällt und dieses Auto nicht zugeordnet werden konnte.
Außerdem hat sie dann auch dort an diesem Pkw zwischen 5 Uhr und 5.30 Uhr eine Person am Kofferraum gesehen, Denn auch diese Person konnte sie nicht zuordnen.
Bei dem Fahrzeug handelt es sich um einen schwarzen Kleinwagen mit Braunschweiger Kennzeichen.
Die Marke hat sie auch genannt.
Um herauszufinden, wem der Wagen gehört, hat eine Kollegin von ihnen dann alle Autos herausgesucht, auf die die Beschreibung passt.
Sie wollte ermitteln, ob es über eines der Fahrzeuge eine Verbindung zu Holger Borowski gibt.
Das Problem, es gab rund 700 schwarze Kleinwagen dieser Marke mit Braunschweiger Kennzeichen.
Dass es mehrere Wochen dauert, die alle abzuarbeiten, ist klar.
Trotzdem merken wir uns diese Spur, denn so viel sei verraten.
Sie wird am Ende eine ganz entscheidende Rolle spielen.
Der unbekannte schwarze Kleinwagen ist nicht das einzige Auto, für das sich die Polizei interessiert.
Denn nicht nur Holger Borowski ist verschwunden, auch von seinem Fahrzeug, dem blauen Kleintransporter, fehlt zunächst jede Spur.
Noch am 14.
April, einen Tag nachdem die Familie die Vermisstenanzeige aufgegeben hat, starten die Ermittler eine Öffentlichkeitsfahndung.
Wer hat Holger Borowski gesehen?
Wer kann etwas zu seinem Aufenthaltsort sagen?
Oder zu dem seines Wagens?
Die Bevölkerung rund um den Wohnort im Landkreis Goslar ist aufgerufen, sich zu melden.
Außerdem fahndet die Polizei im Großraum Hannover.
Schließlich liegt dort die Arbeitsstelle von Holger Borowski.
Mehrere Zeugen melden sich.
Manche wollen ihn nach seinem Verschwinden gesehen haben.
Die Ermittler gehen dem nach.
Eine Spur ergibt sich aus diesen vermeintlichen Sichtungen aber nicht.
Dafür führt die Fahndung an anderer Stelle zum Erfolg.
Am Freitag, den 16.
April 2021, geht ein Zeugenhinweis bei der Polizei ein.
Das Auto von Holger Borowski wurde gefunden.
Es steht in Hannover auf dem ehemaligen Expo-Gelände.
Ordnungsgemäß verschlossen, in einer Parkbox gegenüber des holländischen Pavillons.
Um möglichst spurenschonend zu arbeiten, fahren die Ermittler aus Goslar mit einem Zweitschlüssel der Familie nach Hannover.
Schon bei der Begutachtung von außen lassen sich rötliche Anhaftungen am Wagen feststellen.
Zwar nur Stecknadelkopf groß, trotzdem verstärkt sich das ungute Gefühl der Beamten.
Durch die getönten Scheiben ist nicht zu erkennen, ob sich jemand oder etwas in dem Kleintransporter befindet.
Mit dem Zweitschlüssel öffnen die Polizisten den Wagen.
Holger Borowski ist nicht im Fahrzeug.
Dafür liegt der fehlende Rucksack seines Sohnes auf der Rückbank.
Auch im Innern des Autos entdecken die Ermittler Spuren, die wie Blutanhaftungen aussehen.
Sie verschließen den Wagen und lassen ihn für weitere Untersuchungen zum Kriminaltechnischen Institut nach Hannover abschleppen.
In der Zwischenzeit gibt es zu einer anderen Frage ein Ergebnis und eine traurige Gewissheit.
Nach dem DNA-Abgleich ist klar, bei der roten Flüssigkeit auf der Terrasse und im Garten der Familie handelt es sich zweifellos um das Blut von Holger Borowski.
Über Tage zerlegen die Forensiker das Auto des Vermissten und untersuchen die Einzelteile Stück für Stück.
Dabei kommt die chemische Verbindung Luminol zum Einsatz.
Sie ermöglicht es, Blut wieder sichtbar zu machen, das vorher entfernt worden ist.
Die Untersuchung zeigt, dass auf der Rückbank und im Einstieg der hinteren Schiebetür größere Mengen Blut gewesen sein müssen.
Außerdem weisen die Experten Blut im Bereich des Fahrersitzes und am Lenkrad nach.
DNA-Tests zeigen, dass es sich auch im Auto um das Blut von Holger Borowski handelt.
Zwar lässt sich die genaue Menge nicht bestimmen, trotzdem ist für die Ermittler klar, dass der Vermisste zu viel Blut verloren hat.
Sie gehen davon aus, dass der 51-Jährige Opfer eines Verbrechens wurde und nicht mehr am Leben ist.
Die Kriminalpolizei in Goslar richtet eine Mordkommission ein, in der zu Spitzenzeiten knapp 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ermitteln.
Herr Bothe, Sie hatten in der Mordkommission die Position des Hauptsachbearbeiters inne und waren dadurch für die Ermittlungen mitverantwortlich.
Welche These hatten Sie zu diesem Zeitpunkt der Ermittlungen?
Was war Ihrer Ansicht nach am Tag von Holger Borowskis Verschwinden passiert?
Aufgrund der Spurenlage und der Zeugenaussagen gingen wir davon aus, dass Holger Borowski am frühen Morgen des 13.
April im Garten oder auf der Terrasse seines Hauses angegriffen und mindestens schwer verletzt wurde, wenn nicht sogar getötet.
Wegen der Schleifschwunen vermuteten wir, dass der Täter Holger Borowski dann über das Grundstück gezogen und mit seinem blauen Kleinstransporter weggebracht hat.
Wir hatten aber keine konkrete Idee, wo er sein Opfer hingebracht haben könnte und deswegen auch kaum Anhaltspunkte, wo wir nun nach der Leiche suchen konnten.
Wir haben Hinweise aus der Bevölkerung bekommen und einige Waldstücke entlang der südlich gelegenen Bundesstraße 242 mit Schwürhunden abgesucht.
Aber leider brachte das keine Erkenntnisse.
Am Ende hat der Täter den Kleintransporter jedenfalls nach Hannover gefahren und dort auf dem Expo-Gelände abgestellt.
Daraus ergab sich nun die Frage, wie kam er dort wieder weg.
Wir haben Taxiunternehmen um Hinweise gebeten, aber erstmal kam nichts.
Während der Wagen begutachtet und die Proben im Labor untersucht wurden, haben sie ja dann auch im Umfeld der Familie weiter ermittelt.
Und dabei sind sie auf mehrere recht merkwürdige Hinweise gestoßen.
Wir haben es zu Beginn der Folge ja schon kurz erwähnt.
Und ganz genau waren das drei Puzzleteile, so nennen wir es jetzt mal, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun hatten.
Was können Sie uns dazu erzählen?
Da war zum einen ein Pfeil.
Mitte März, ungefähr vier Wochen vor dem Verschwinden von Herrn Borowski, hatte sein Sohn im Garten einen Pfeil gefunden.
Und das war kein Spielzeug.
Wir haben ermittelt, dass solche Pfeile zu einer Handarmbrust gehören.
Das war tatsächlich eine echte Waffe.
Am Tag, als der Sohn den Pfeil auf dem Grundstück gefunden hatte, waren zwar die Gartenwirbeln hinter dem Haus etwas durcheinander, aber sonst war dort nichts Besonderes aufgefallen.
Die Familie hat diesem Ganzen zunächst keine große Bedeutung beigemessen.
Im Zug der Ermittlungen haben sie uns dann den Pfeil aber übergeben.
Ein weiteres Puzzlestück war eine unbekannte Nummer auf dem Handy des Vermissten.
Genau.
Das Handy von Holger Borowski hatten wir ja.
Es lag ja seit dem Tag des Verschwindens oder am Tag des Verschwindens in der Küche.
Das konnten wir auch auslesen.
Darauf war ein interessanter Chat vorhanden, in dem es um einen Brief und einen Treffpunkt auf einem Friedhof ging.
Herr Borowski hatte mit der Nummer bereits im November 2020 geschrieben.
Die Nummer war nicht gespeichert.
Wir konnten über den Mobilfunkanbieter aber den Anschlussinhaber ausfindig machen.
Da wurde es richtig kurios.
Die Nummer führte zu einem Mann, der seit mehreren Jahren gar nicht mehr in Deutschland lebte und auch überhaupt nichts mit der Familie Borowski zu tun hatte.
Wir haben dann direkt Kontakt zu dem Mann aufgenommen.
Er lebte in der Zwischenzeit in der Schweiz und auf Malta.
Er hat uns erzählt, dass er vor mehreren Jahren vom Flughafen Hannover über Wien nach Malta gereist ist.
Und schon in Wien hat er festgestellt, dass sein Personalausweis weg war.
Er hat ihn dort als verloren gemeldet und einen neuen beantragt, aber der alte tauchte nicht mehr auf.
Der SMS-Schreiber ist wohl in irgendeiner Form im Besitz des Ausweises gekommen und hat dann eben die SIM-Karte gekauft, um das Mobiltelefon zu nutzen.
Dieser ominöse Brief, von dem in den SMS die Rede war, das war dann das dritte merkwürdige Puzzlestück in den Ermittlungen.
Erzählen Sie uns mehr dazu.
Ja, Herr Borowski hatte diesen Brief anonym bekommen.
Irgendwann im November 2020 klemmte der am Türgriff seines Pkw.
In dem Brief hat ein selbsternander guter Freund, Herr Borowski, darauf hingewiesen, dass seine Frau eine Affäre hätte.
Herr Borowski sollte zum Friedhof in seinem Wohnort kommen, um dort Bilder als Beweis in Empfang zu nehmen.
Für weitere Absprachen stand ihm die Handynummer mit auf dem Brief, die zumindest offiziell zu dem Mann im Ausland gehörte.
Eine anonyme Einladung auf einen Friedhof, um dort Bilder zu bekommen, die die angebliche Affäre der Ehefrau belegen sollen.
Das klingt ein bisschen wie aus einem schlechten Film.
Wissen Sie denn, ob sich der Herr Borowski darauf eingelassen hat?
Ist er dort hingefahren?
Seine Frau hat uns gegenüber dazu ausgesagt.
Herr Borowski hatte sie mit den Behauptungen konfrontiert und ihr den Brief auch gezeigt.
Deswegen war er eben auch im Haus und sie konnte ihn an uns übergeben.
Sie hatte ihren Mann gegenüber abgestritten, eine Affäre zu haben.
Herr Borowski wollte dem selbst nachgehen.
Laut seiner Frau hat er sich auf das Treffen auf dem Friedhof eingelassen.
Es war kein persönliches Treffen.
Herr Borowski sollte dort einen abgelegten Umschlag erholen.
Bilder hat er daran aber nicht gefunden, sondern nur einen weiteren Brief.
Da stand nur noch mal drin, dass seine Frau eine Affäre hätte.
Seiner Frau hat er hinterher erzählt, dass ihm auf dem Hin- und Rückweg zu dem Treffen ein weißer Kleinwagen in der Nähe des Friedhofs aufgefallen sei.
Also fassen wir jetzt mal zusammen.
Ein loser Pfeil im Garten, der zu einer potenziell gefährlichen Armbrust gehört.
Ein anonymer Brief am Auto, in dem der Ehefrau eine außereheliche Affäre unterstellt wird.
Und eine Handynummer, die zu einem fremden Mann im Ausland gehört.
Wie passte das alles für Sie zusammen?
Im ersten Moment gar nicht.
Wir haben gerade am Anfang stundenlang besprochen, was das alles mit dem Verschwinden zu tun haben könnte.
Die Handynummer stand in dem Brief.
Die beiden Sachen gehörten also zusammen.
Aber wir konnten nicht herausfinden, wer unter der Nummer geschrieben hat.
Der Mann auf Malta, zu dem sie offiziell gehörte, der war es jedenfalls nicht.
Wir haben auch die Frau nach der möglichen Affäre befragt.
Sie hat uns gegenüber die Affäre aber abgestritten.
Wie der Pfeil zu all dem passen sollte, das war uns völlig unklar.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sie ja auch keine Verdächtigen.
Niemand Konkretes, der einen Grund gehabt hätte, Holger Borowski verschwinden zu lassen.
Doch das änderte sich mit einem Schlag.
Es gab dann nämlich ein entscheidendes Ermittlungsergebnis.
Ein Detail, mit dem sich der Nebel Schritt für Schritt lichtete.
Wir erinnern uns an der Stelle mal an die Nachbarin, die morgens einen schwarzen Kleinwagen mit Braunschweiger Kennzeichen in der Nähe des Hauses gesehen hatte.
Ihre Kollegin, die war ja seitdem damit beschäftigt gewesen, die 700 Fahrzeuge, die es von diesem Typ gab, wir haben es vorhin gesagt, abzuarbeiten.
Knapp drei Wochen hat sie gesucht und nach einer Niete, nach der anderen, fragte diese Polizistin dann bei einer Autovermietung an, die einen solchen Wagen in ihrer Flotte hatte.
Und tatsächlich, die Autovermietung teilte mit, dass dieses Fahrzeug am 13.
April, also dem Tag von Holger Borowskis Verschwinden, bei ihnen angemietet wurde.
Und zwar von einem 50-jährigen Mann, den wir hier Stefan W.
nennen.
Und dieser Stefan W.
war für Sie, Herr Bothe, ja sogar gar kein Unbekannter.
Nein, der Stefan W.
war ganz und gar kein Unbekannter.
Stefan W.
wohnte in derselben Gemeinde wie die Familie Borowski und war ein enger Freund der Familie.
Sogar der beste Freund des Opfers.
Wir hatten ihn im Laufe der Ermittlungen zwischenzeitlich auch als Zeugen vernommen, um uns ein Bild von den familiären Umständen zu machen.
Er war nach Herrn Borowskis Verschwinden auch regelmäßig bei der Familie zu Hause.
Bis dato hatten wir auch keinen Ansatz, ihn in irgendeiner Form als Verdächtigen auf dem Schirm zu bekommen.
Ein enger Vertrauter des Opfers mietet also einen Wagen, der am Tag des Verschwindens in der Nähe des Hauses gesehen wird.
Das ist doch kein Zufall, oder?
Haben Sie Stefan W.
mit Ihren Ergebnissen konfrontiert?
Nein, das haben wir erstmal für uns behalten.
Einfach auch vor dem Hintergrund, dass wir ihm nicht aufschrecken wollten und so wir in Ruhe weiter ermitteln konnten.
Hatte das Fahrzeug denn eine GPS-Aufzeichnung, sodass man zweifelsfrei belegen konnte, dass es der Mietwagen von Stefan W.
War, der am 13.
April morgens in dem kleinen Dorf gesehen wurde?
Nein, das konnten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen.
Ein GPS war nicht vorhanden.
Wir sind aber von diesem Fahrzeug aus weiter in die Ermittlungen eingestiegen und dabei ist rausgekommen, dass Stefan W.
Immer dann Autos angemietet hatte, wenn irgendetwas im Umfeld der Familie Borowski passiert war.
Er hatte einen Mietwagen an dem Tag, an dem der Sohn im Garten den losen Fall gefunden hat.
Er hatte einen Mietwagen an dem Tag, an dem der anonyme Briefschreiber Herrn Borowski etwas auf dem Friedhof übergeben wollte, und zwar in einem weißen Kleinwagen, wie ihn Herr Borowski seiner Frau beschrieben hatte.
Das war in der Summe schon sehr, sehr auffällig.
Also von da an war Stefan W.
Ihr Hauptverdächtiger.
Was ihn in dieser Rolle besonders gemacht hat, war sein Beruf.
Er war Polizist bei der Bundespolizei.
In der Vergangenheit arbeitete er unter anderem am Flughafen Hannover.
Und über diesen Job löste sich ein weiteres Rätsel.
Welches?
Das Geheimnis um die unbekannte Handynummer.
Aus den Dienstblämen ergab sich, dass Stefan W.
Genau an dem Tag am Flughafen Hannover im Dienst war, an dem der Mann, auf dessen Namen die SIM-Karte lief, von dort nach Wien geflogen ist.
Unsere Schlussfolgerung war, Stefan W.
hat an diesem Tag den Ausweis des Mannes eingesteckt.
Ob als geplanter Diebstahl oder einfach, weil der Mann seinen Ausweis vergessen hatte und sich die Gelegenheit bot, wussten wir natürlich nicht.
Aber es stand fest, er muss in den Besitz des Ausweises gekommen sein.
Wie war es denn für Sie von nun an quasi gegen einen Kollegen zu ermitteln?
Also mussten Sie etwas an Ihrem Vorgehen ändern?
Am Anfang schluckt man da natürlich schon.
Aber auf der anderen Seite...
Hat die Tatsache, dass unser Verdächtiger bei der Polizei arbeitet, für uns auch manches erklärt.
Ein Polizist weiß, wie polizeiliche Arbeiten laufen.
Wenn so jemand ein Verbrechen plant, weiß er, worauf er achten muss.
Es gab zum Beispiel an dem Brief und im Innenraum des Autos keine verdächtigen Fingerabdrücke.
Stefan W.
war während der Ermittlungen auch regelmäßig bei der Familie Borowski zu Besuch, um sich zu erkundigen.
Das fiel weiter nicht auf, er war ja ein enger Freund der Familie.
Nachdem er in unseren Fokus gerückt war, mussten wir dann natürlich auch aufpassen, welche Infos wir noch an die Angehörigen weitergeben.
Wir haben ja nicht gleich offen darüber gesprochen, um so in Ruhe auch gegen ihn weiter ermitteln zu können.
Ja, das scheint natürlich eine ziemlich heikle Sache zu sein, die Ermittlungen gegen einen Kollegen.
Deshalb wollten wir mehr dazu wissen.
Wir haben für diese Folge mit Prof.
Dr.
Thomas Feltes gesprochen.
Er ist Jurist und Sozialwissenschaftler und hatte insgesamt 17 Jahre den Lehrstuhl für Kriminologie und Polizeiwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum inne.
Seine Forschung befasst sich mit dem Arbeitsalltag der Polizei.
Wir wollten von Professor Feltes wissen, wo die Krux liegt, wenn Polizisten gegen andere Polizisten ermitteln.
Unser Experte unterscheidet dabei zwei Konstellationen.
Einmal den Fall, dass ein Polizist ganz offensichtlich in einen Fall verwickelt ist.
Zum Beispiel, weil er bei einem Polizeieinsatz auf jemanden geschossen hat.
In solchen Fällen ermittelt in Deutschland nicht die Dienststelle des betroffenen Beamten, sondern eine Nachbardienststelle.
Und komplexer ist die Lage, laut Feldes, wenn ein Polizist erst im Laufe der Ermittlungen zum Verdächtigen wird, wie in unserem heutigen Fall.
Das ist deshalb schwierig, weil natürlich eine gewisse Hemmschwelle besteht, gegen die eigenen Kolleginnen und Kollegen oder gegen eben andere Polizeibeamten zu ermitteln.
Und das kann dann durchaus dazu führen, dass eine Spur, die in Richtung eines Polizeibeamten führt, ja vielleicht nicht so wichtig wahrgenommen wird wie andere Spuren, die sich in dem Fall ergeben.
Wie groß diese Hemmschwelle ist, lässt sich laut Professor Feltes empirisch nur schwer erforschen.
Zum einen seien die Fälle relativ selten, zum anderen sei die Polizei ein recht geschlossenes System und lasse unabhängige Forschung von außen in der Regel nicht zu.
Auch Staatsanwaltschaften würden Akten normalerweise nicht für wissenschaftliche Untersuchungen freigeben.
Man wisse jedoch, dass sich die Polizei mit internen Ermittlungen gegen Kolleginnen und Kollegen generell schwer tue.
Und das hat natürlich etwas damit zu tun, dass man tatsächlich die Polizei so etwas als Subkultur ansehen muss.
Man arbeitet zusammen, man ist zusammen ausgebildet worden, man hat das Gefühl einer ganz großen und starken Gemeinschaft.
Man ist aufeinander angewiesen und da ist man eben erstmal nicht bereit zu glauben, dass jemand auch aus dieser Gruppe oder aus dieser Truppe tatsächlich eine Straftat begeht.
Gerade bei schweren Verbrechen sei es wichtig, nicht zu zögern, sondern schnell zu handeln, bevor Beweise unbrauchbar werden.
Allerdings verlaufen die beschriebenen Hemmschwellen laut Professor Feldes primär im Unterbewusstsein.
Ich würde auch hier keinem Ermittlungsbeamten unterstellen, dass er absichtlich oder vorsätzlich gar Ermittlungen behindert.
Das kann durchaus auch mal passieren, wenn es da bestimmte Abhängigkeiten gibt oder wenn man mit jemandem befreundet ist und deshalb hält man sich hier mit Ermittlungen zurück.
Aber es ist letztendlich eher so eine unbewusste Hemmschwelle, die man nicht überschreiten kann und nicht überschreiten will, weil man, wie gesagt.
Das nicht glauben will, dass im Grunde genommen jemand, der Recht und Gesetz sich quasi auch auf die Fahnen geschrieben hat, wie man selbst, dass der oder diejenige diese Vorschriften verletzt.
Doch auch wenn interne Ermittlungen vorbildlich und mit gebotener Entschlossenheit vorangetrieben werden, gäbe es noch Risiken.
Polizei ist natürlich einerseits nach außen hin ein sehr geschlossenes System, andererseits nach innen hin sehr offen.
Das heißt, Informationen, Gerüchte, Nachrichten werden hier im Grunde genommen in Windeseile verwendet.
Und die Gefahr, dass dann dort über bekannte oder auch unbekannte Kanäle und Verbindungen Ermittlungsergebnisse oder beabsichtigte Ermittlungsschritte dem Verdächtigen bekannt werden, die ist relativ groß.
Natürlich werden Ermittlungen erstmal auch innerhalb der Polizei geheim gehalten, aber es bleibt natürlich nicht verborgen, wenn es hier oder dort ein spektakuläres Ereignis gibt, einen spektakulären Fall und es wird ermittelt, dann wird da eben auch in der Kantine oder auch unter Kolleginnen und Kollegen darüber gesprochen.
Und man weiß dann nie, ob es hier möglicherweise Verbindungen gibt, aus welchen Gründen auch immer, aus privaten Gründen oder aus Gründen, die man auch gar nicht erkennen kann, sodass die Informationen nach außen dringen.
Auch das muss nicht wiederum bewusst und gezielt gemacht worden sein, sondern natürlich unterhalten sich Polizeibeamte untereinander im Kollegenkreis über Fälle und tauschen sich aus.
Und da ist eben die Gefahr, dass dann hier doch Dinge nach außen sickern können.
An anderer Stelle sieht Professor Feltes weniger Gefahr.
Was jetzt die Erfassungen von Spuren oder von Beweismitteln oder auch von Asservaten anbetrifft, das ist eigentlich relativ gut gesichert.
Wir haben nach einigen Vorfällen in den letzten Jahren, wo es Zugriffe auf polizeiliche Datenbanken gegeben hat, vor allen Dingen im Zusammenhang mit rechtsextremen oder rechtsextremistischen Vorfällen innerhalb der Polizei, da auch eine bisschen höhere Sensibilität, als das vielleicht noch vor einigen Jahren der Fall war, wo im Grunde genommen teilweise auch gar nicht dokumentiert wurde, wer wann worauf zugegriffen hat.
Das wird inzwischen dokumentiert.
Herr Bothe, gab es denn bei Ihnen eine Hemmschwelle, als Sie gegen einen Kollegen ermitteln mussten?
Wie bereits gesagt, man schluckt zunächst mal, aber dann geht es weiter.
Hemmungen von uns oder der Staatsanwaltschaft gegen Stefan W.
Zu ermitteln, gab es nicht.
Das kann ich auch von meiner Seite, glaube ich, sagen.
Stefan W.
war Bundespolizist.
Es gab keinerlei persönliche Bekanntschaften zu unserem Team.
Das war sicherlich ein Vorteil, dass er für uns in Gänze unbekannt war.
Außerdem wollten wir für die Familie herausfinden, was mit ihrem Mann und Vater passiert ist.
Nachdem die Verbindung zu den verschiedenen Mietwagen klar war, haben wir Stefan W.
recht zügig festgenommen.
Auch das zeigt, glaube ich, dass wir entschlossen waren, auch gegen einen Polizisten zu ermitteln.
Aber trotzdem bleibt ja an der Stelle die Frage, warum hätte Stefan W.
Seinen besten Freund überhaupt umbringen sollen?
Ja, das haben wir dann erfahren, als wir etwa eine Woche vor der Festnahme nochmal Herrn Borowskis Ehefrau vernommen haben.
Wir wollten mit ihr nochmal über die mögliche Affäre sprechen.
Sie wurde ihr ja in dem Brief unterstellt.
Das hatte sie ja bei der vorherigen Vernehmung abgestritten.
Nun hat sie es allerdings zugegeben.
Sie hat tatsächlich gesagt, dass sie eine Affäre mit dem Stefan Wehe gehabt hat und das über mehrere Jahre.
Der habe irgendwann eine feste Beziehung mit ihr gewollt.
Sie habe aber bei ihrer Familie bleiben wollen und deswegen einen Schlussstrich gezogen.
In Summe aller Erkenntnisse zu diesem Zeitpunkt gingen wir von einer Beziehungstat aus Eifersucht, begangen durch Stefan W.
aus.
Stefan W.
wollte den Ehemann seiner Geliebten aus dem Weg räumen.
Deshalb musste Holger Borowski sterben.
Ja, unfassbar, dass eine Affäre ein solches Ende nach sich zieht.
Etwa zwei Wochen, nachdem sie dann die erste Verbindung zu dem schwarzen Kleinwagen gezogen hatten, war es dann soweit.
Am Dienstag, den 18.
Mai 2021, exakt fünf Wochen nach Holger Borowskis Verschwinden, wollten Sie Stefan W.
festnehmen.
Herr Bote, wie hat sich Ihr Team auf die Festnahme eines ausgebildeten Bundespolizisten vorbereitet?
Wir wussten aus den Ermittlungen heraus, dass Stefan W.
seine Dienstwaffe mit nach Hause nimmt.
Wir hatten auch die oberen Vorgesetzten über den Stand der Dinge in Kenntnis gesetzt, seinen direkten Kollegen allerdings nicht.
Wir wollten vermeiden, dass er während der Festnahme in irgendeiner Form unkontrolliert auf seine Waffe zugreifen kann.
Deshalb konnten wir auch nicht abschätzen, wie das Ganze sich bei ihm in der Wohnung abspielt.
Wir haben die Festnahme dann auf dem Weg zur Arbeit geplant und durchgeführt.
Wir erkannten ja seinen Dienstplan.
Zwischenzeitlich war Stefan W.
vom Flughafen Hannover zum Flughafen nach Braunschweig versetzt worden.
Auf dem Parkplatz vom Flughafen Hannover ist er dann von Spezialkräften festgenommen worden.
Er stieg aus dem Auto aus und dann kam der Zugriff.
So konnten wir auch ständig seine Waffe im Blick behalten.
Hat er sich bei der Festnahme gewehrt oder wie war allgemein seine Reaktion?
Nehmen Sie uns mal mit in diesen Moment.
Das kann ich leider gar nicht konkret beschreiben, weil ich selber nicht mit vor Ort gewesen bin.
Allerdings haben mir Kollegen berichtet, dass er keinen Widerstand geleistet hat.
Und er hat dem Eindruck der Kollegen nach so getan, als wäre er wirklich überrascht gewesen.
Auf der anderen Seite war er aber sehr emotionslos und kühl, so wie später dann auch in dem Prozess.
Am Tag darauf hat die Staatsanwaltschaft Braunschweig Haftbefehl wegen Mordes erlassen.
Stefan W.
machte in der Beschuldigtenvernehmung bei ihnen keine Angaben.
Sie hatten nun zwar einen Verdächtigen in U-Haft, aber entspannen konnten sie ja nicht.
Bislang hatten sie ja nur die Mietfahrzeuge als Indiz und ein plausibles Motiv.
Aber keinen eindeutigen Beweis dafür, dass Stefan W.
Wirklich der Täter war, nicht wahr?
Das ist richtig.
Von Entspannung konnte zu keinem Zeitpunkt jetzt die Rede sein.
Im Gegenteil, wir mussten uns beeilen, weil innerhalb von sechs Monaten nach der Festnahme muss der Prozess starten und davon muss auch noch die Anklage geschrieben werden.
Uns blieben also so ungefähr drei bis vier Monate, um unsere Ermittlungen diesbezüglich abzuschließen.
Wir haben gleich nach der Festnahme begonnen, die Wohnung und die Arbeitsplätze, eben den Flughafen Hannover und auch den Flughafen Braunschweig zu durchsuchen.
Er hatte versucht, seinen Browser-Verlauf zu löschen.
In den Suchanfragen des Browser-Verlaufes konnten wir allerdings die Stichworte Schock durch Armbrust wiederherstellen.
Im Zusammenhang mit einem herzkranken Opfer nicht unwesentlich.
Außerdem haben wir seine Kontobewegungen und Mobilfunkdaten gescheckt.
Ließ sich ihr Verdacht dadurch denn weiter erhärten?
Allerdings und zwar in zwei wichtigen Punkten.
Punkt 1.
Anhand der Zahlungen war zu sehen, Stefan W.
Hatte sich in einem Shop in Österreich eine Armbrust gekauft, zu der der entsprechende Pfeil im Garten passte.
Um sich eine Waffe zu kaufen, musste er seinen eigenen richtigen Ausweis hinschicken.
Die Variante, wie bei der SIM-Karte, geht hier nicht.
Ansonsten wäre die Waffe möglicherweise an der falschen Adresse gelandet.
Vielleicht hat Stefan W.
an dem Tag, als der Sohn auf der Terrasse den Fall gefunden hat, auch schon das erste Mal geübt.
Vielleicht wollte er tatsächlich auch an diesem Tag schon den Herrn Borowski töten bzw.
Tödlich verletzen.
So hatten wir eine plausible Verbindung zwischen möglicher Tatwaffe und eben dem Stefan W.
Punkt 2.
Der anonyme Brief.
Der war ja gedruckt.
Jeder Drucker hat ganz individuelle Signaturen, ähnlich wie bei einem Fingerabdruck.
Nach der technischen Untersuchung war klar, der Brief wurde mit einem Drucker auf der Ex-Arbeitsstelle am Flughafen in Hannover erstellt.
Auch diese Verwendung war also belegt.
Kalkül des Täters war es wohl, dass sich Holger Borowski von seiner Frau trennen würde, wenn er von der Affäre erfährt.
Als es dazu nicht kam, wollte er das wohl selbst regeln.
Hatte die Ehefrau eigentlich nie den Verdacht, dass ihre frühere Affäre für das Verschwinden ihres Mannes verantwortlich sein könnte?
Ist doch durchaus naheliegend.
Und haben Sie auch ermittelt, ob die Ehefrau sogar davon gewusst haben könnte und da auch mit drinsteckt?
Selbstverständlich hatten wir diese Möglichkeit auch auf dem Schirm.
Es gab allerdings überhaupt keine Hinweise darauf, dass die Ehefrau da irgendwie mit drinstecken könnte.
Die Familie war von dem Tatverdacht gegen Stefan W.
völlig überrascht.
Weder Frau noch Kinder hatten überhaupt nur in diese Richtung gedacht.
Stefan W.
war nicht nur der beste Freund von Holger Borowski, der war richtig in die Familie integriert, auch im Umgang mit den Söhnen, wie ein richtiges Familienmitglied halt.
Sie waren dann also immer mehr davon überzeugt, dass Sie mit Stefan W.
den richtigen hatten.
Konnten Sie denn noch rausfinden, was passiert ist, nachdem der blaue Kleintransporter des Opfers in Hannover abgestellt wurde?
Ja, auch die Rückfahrt vom Expo-Gelände ließ sich mindestens teilweise rekonstruieren.
Die Handydaten von Stefan W.
zeigten, dass er an dem Tag des Verschwindens versucht hat, ein Taxi zum Expo-Gelände zu bestellen.
Leider ließ sich nicht klären, mit welchem Taxifahrer er möglicherweise genau gefahren ist.
Die Daten werden in Hannover in einer solchen Großstadt nicht individuell erfasst.
Die Fahrt ging vermutlich in die Stadt.
Aber wir hatten Glück.
Stefan W.
hat kurz darauf noch ein Taxi gerufen, und zwar zum nächstgelegenen Bahnhof.
Daher muss er mit dem Zug von Hannover aus gefahren sein.
Das war ein Nachbarort von seinem Wohnort.
Der Taxifahrer ließ sich dann exakt ermitteln, und er erkannte Stefan W.
auf einem Bild wieder.
Außerdem war ihm dieses Taxi mit einem GPS ausgestattet.
Das zeigte, dass sich Stefan W.
Vom Taxi zu genau dem Standort im Heimatort von Holger Borowski fahren ließ, wo die Nachbarin den schwarzen kleinen Mietwagen gesehen hatte.
Ja, damit war dann auch diese Frage weitgehend geklärt.
Aber zwei mögliche Beweise fehlten immer noch.
Eine Leiche und eine Tatwaffe.
Alle bisherigen Hinweise aus der Bevölkerung zum möglichen Ablageort der Leiche waren im Sand verlaufen.
Auch deshalb haben sie und ihr Team sich nach der Festnahme von Stefan W.
Noch an Aktenzeichen XY ungelöst gewandt.
Am 18.
August 2021, also mehr als vier Monate nach der Tat, ging der Fall auf Sendung.
Rudi, du hast damals den Leiter der Mordkommission, Lutz Lucht, zu Gast bei dir im Studio gehabt.
Ihr habt euch unter anderem nochmal über Mietfahrzeuge unterhalten.
Stefan W.
hatte ja wenige Tage nach Holger Borowskis Verschwinden nämlich nochmal einige Exemplare gemietet.
Diesmal waren das aber keine Kleinwagen, es ging um einen großen Kastenwagen und einen Anhänger, die sich der mutmaßliche Täter besorgt hatte.
Wir hören mal rein.
Wofür hat er das Fahrzeug und den Anhänger verstanden?
Das wissen wir leider nicht, aber wir haben eine Vermutung und zwar hat der Tatverdächtige in diesem Zeitraum mehrere Großeinkäufe in Baumärkten getätigt.
Er könnte mit den Leihfahrzeugen die Einkäufe transportiert haben.
Ja und diese Einkäufe sind natürlich auch für die Ermittlungen von enormer Bedeutung.
Stahlmatten, Rasengittersteine, mehrere Stacheldrahtrollen und acht solche Bauzaunelemente mit den dazugehörigen Betonfüßen.
Wozu das alles?
Der Tatverdächtige macht dazu keine Angaben, was er damit vorhatte und wir konnten die Sachen auch nicht finden.
Für uns denkbar, dass er irgendwo eine falsche Baustelle oder eine Absperrung eingerichtet hat, möglicherweise um die Leiche verschwinden zu lassen.
Der Tatverdächtige hat mit dem Transporter und dem Anhänger im Umkreis von circa 70 Kilometer um den Tatort herum bewegt.
Und unsere Frage dazu lautet, wo ist in diesem Bereich Ende April mit den genannten Materialien eine Baustelle oder eine Absperrung errichtet worden, an der bis heute nicht gearbeitet wird?
Möglicherweise sind in diesem Zusammenhang auch der weiße Anhänger, der weiße Transporter und der Anhänger aufgefallen.
Hoffen wir auf Antworten heute Abend.
Herr Bothe, die Vermutung liegt ja jetzt sehr nahe, dass Stefan W.
All das Baustellenmaterial gekauft hat, um die Leiche von Holger Borowski unbemerkt verschwinden zu lassen.
Gab es denn nach der TV-Sendung Hinweise aus dem Publikum?
Ja, es gab insgesamt so rund 30 Hinweise, vor allem zu Baustellen und Baumaterial, das tatsächlich in der Sendung Aktenzeichen des Y.
gezeigt wurde.
Allerdings brachte uns leider keiner dieser Hinweise konkret weiter.
Vielleicht hat Stefan W.
das Material auch gar nicht als Baustellentarnung genutzt.
Womöglich hat er die Leiche einfach irgendwo im Wald vergraben und von oben so mit dem Bauzäun und Stacheldraht bedeckt, dass Wildschweine sie nicht freiwillen können.
Wir haben natürlich rund um die Wohn- und Arbeitsorte von Stefan W.
Gesucht, auch im Naturschutzgebiet in der Nähe des Flughafens Hannover, wo er sich ja aufgrund seiner Tätigkeit auskannte.
Leider konnten wir die Leiche bis zum heutigen Tage nicht finden.
Keine Leiche und auch keine Tatwaffe.
Trotzdem erhebt die Staatsanwaltschaft Braunschweig gegen Stefan W.
Ende August 2021 Anklage wegen Mordes.
Der Prozess vor dem Landgericht Braunschweig beginnt am 24.
November.
Aufgrund der komplexen und aufwendigen Indizienketten zieht sich das Verfahren über mehr als ein halbes Jahr.
Der Angeklagte äußert sich zu den Vorwürfen nicht.
Seine Verteidigung plädiert am Ende auf nicht schuldig.
Die Staatsanwaltschaft und die Familie Borowski als Nebenkläger fordern hingegen einen Schuldspruch wegen Mordes inklusive der besonderen Schwere der Schuld.
Nach 20 Verhandlungstagen verurteilt das Landgericht Stephan W.
am 31.
Mai 2022 wegen Mordes zu lebenslanger Haft.
Es ist davon überzeugt, dass der Angeklagte Holger Borowski nach langer Planung am frühen Morgen auf die Rückseite des Hauses gelockt, mit einer Armbrust attackiert und letztlich umgebracht hat.
Und zwar, weil er den Platz des Ehemanns und Familienvaters einnehmen wollte.
Zitat, er stand dem Zusammenleben im Weg und musste weg.
Zitat Ende.
So der Richter in der Urteilsbegründung.
Der Angeklagte habe als einzig ermittelte Person ein Motiv gehabt.
Der Mord geschah laut Gericht aus Eifersucht und somit aus niederen Beweggründen.
Eine besondere Schwere der Schuld wurde aber nicht festgestellt.
Um ein zweites Mordmerkmal wie Heimtücke zu belegen, hätte man wohl den Leichnam untersuchen müssen.
Die Verteidigung geht gegen das Urteil in Revision.
Weitere zehn Monate später weist der Bundesgerichtshof den Revisionsantrag im April 2023 jedoch ab.
Das Urteil ist damit rechtskräftig.
Stefan W.
muss für mindestens 15 Jahre hinter Gitter.
Als verurteilter Straftäter wird er aus dem Polizeidienst entlassen und verliert alle Rechte und Ansprüche aus dem Beamtenverhältnis.
Eine Wiedereinstellungsmöglichkeit gibt es auch nach abgesessener Haftstrafe nicht.
Herr Bothe, ein reiner Indizienprozess ohne glasklaren Beweis.
Sind Sie trotzdem nach wie vor davon überzeugt, den richtigen Täter erwischt zu haben?
Ja, das bin ich.
Die Mietautos, der Brief, der Pfeil, die Affäre, die Baumaterialien, zu denen es keine Auskunft gab.
Am Ende ergaben diese vielen kleinen Prüsselteile doch ein ganz, ganz klares Bild.
Der Angeklagte, der hat geschwiegen, eine Leiche und somit Gewissheit, was genau passiert ist.
Das gibt es bis heute nicht.
Für die Angehörigen ist das sicherlich besonders schwer.
Gibt es denn heute immer noch Hinweise, wo die Leiche von Holger Borowski sein könnte?
Es gibt gelegentlich immer mal wieder Hinweise, Zeugenhinweise, denen gehen wir selbstverständlich nach.
Und außerdem gleichen wir auch irgendwelche Leichname, die bei uns gefunden werden, wo vielleicht nur noch Knochen oder Schädel vorhanden sind, mit dem entsprechenden DNA-Material von dem Holger Borowski ab, um zu gucken, ob wir möglicherweise doch den Leichnam von ihm gefunden haben.
Nehmen Sie denn was aus dem Fall mit?
Und wenn ja, was ist das?
Ja, dass auch manchmal die kleinsten Ermittlungsschritte darüber entscheiden, ob man einen Fall löst oder nicht.
Hätte die Kollegin in diesem Fall nicht diesen wichtigen schwarzen Kleinwagen aus 700 Treffern herausgefiltert, dann hätten wir den Täter vielleicht nie überführt.
Man kann eindeutig sagen, dass das Finden dieses Mieters des PKWs tatsächlich der Schlüssel zum Erfolg war.
Damit sind wir am Ende dieser Folge angelangt.
Wir verabschieden und bedanken uns ganz besonders bei Ihnen, Herr Bothe, für die Einblicke in Ihre Ermittlungsarbeit.
Schönen Dank und es hat sehr viel Spaß gemacht.
Schön, dass Sie da waren.
Danke.
Außerdem bedanken wir uns bei Prof.
Dr.
Thomas Feltes für seine Expertise zu fällen, in denen Polizisten gegen Polizisten ermitteln.
Ein weiterer besonderer Dank gilt dem Autor dieser Folge, Jonas Wengert.
Und das war's jetzt auch.
Bis zum nächsten Mal, sage ich.
Und wie immer, bleibt sicher.
Und wie immer stehen alle weiteren Infos in den Shownotes.
Die nächste Folge wie immer in zwei Wochen.
Bis dann.
Aktenzeichen XY.
Unvergessene Verbrechen.
Eine Produktion der Securitel in Kooperation mit BUM-Film im Auftrag des ZDF.
