Wurzeln schlagen? Jüdisches Leben in Deutschland von 1945 bis heute

Nov 14, 2025
49 mins

Episode Description

4,13: Almut Finck im Gespräch mit Karen Körber

Jüdisches Leben in Deutschland nach 1945 – wer blieb nach der Shoah im Land der Täter, wer kehrte aus dem Exil zurück, und wie gelang der Aufbau neuer Gemeinden? In der neuen Folge des historycast spricht Almut Finck mit der Soziologin Karen Körber vom Institut für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg.

Das Gespräch beleuchtet, welche Überlebensstrategien jüdische Familien nach 1945 fanden, wie sie Isolation und Antisemitismus erfuhren und überwanden und was sie überhaupt zum Dableiben oder Rückkehren bewegte. Karen Körber schildert, wie jüdisches Leben in den Nachkriegsjahren zwischen provisorischer Gemeinschaft und Emigrationsdruck nach Israel aussah und wie Migrationen aus Osteuropa und sogar dem Iran seit den 1950er Jahren das Gemeindeleben prägten. Ein Schwerpunkt liegt auf der Zuwanderung sogenannter Kontingentflüchtlinge aus der Sowjetunion in den 1990er Jahren, die das jüdische Leben in Deutschland grundlegend veränderte. Schließlich geht es um die heutige Vielgestaltigkeit jüdischer Identität und um aktuelle Erfahrungen neuer Migration – etwa junger Israelis seit den 2010er Jahren – im Spannungsfeld von Chancen, Selbstbehauptung und aktuellen Bedrohungen.

Karen Körber leitet am Hamburger IGdJ den Bereich der Jüdischen Gegenwartsforschung. Ihre Schwerpunkte bilden die jüdische Migrationsgeschichte nach 1945 und der soziale, religiöse, kulturelle und institutionelle Wandel der jüdischen Gemeinschaft seit den 1990er Jahren.

Dr. Almut Finck ist Radiojournalistin und Kulturwissenschaftlerin aus Berlin.

Staffel 4, Folge 13 des historycast - was war, was wird? des Verbandes der Geschichtslehrerinnen und -lehrer Deutschlands e. V. [http://geschichtslehrerverband.de]

Gefördert wird das Projekt durch die Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte.

**Jüdisches Leben in Deutschland ab 1945 ** Deutsche Holocaust-Überlebende wanderten nach 1945 mehrheitlich aus. Wer blieb, tat dies oft notgedrungen, etwa weil sie oder er zu traumatisiert und gesundheitlich zu geschwächt für eine Ausreise war. Es gab aber auch rund 9000 jüdische Rückkehrerinnen und Rückkehrer aus dem Exil. Oft kamen sie mit dem Wunsch, ein besseres, demokratisches Deutschland mitzugestalten. Insgesamt lebten in den ersten Nachkriegsjahren 15000 bis 20000 Jüdinnen und Juden in Deutschland – gegenüber rund einer halben Million vor 1933. Bekannte Persönlichkeiten wie Hans Rosenthal, Ralf Giordano oder Paul Spiegel gehörten zu denjenigen, die in Deutschland blieben oder zurückkamen und das öffentliche Leben auf Jahrzehnte prägten.

Migration und Antisemitismus Zu der kleinen Anzahl deutscher Jüdinnen und Juden kamen etwa 200.000 jüdische Personen aus Osteuropa, insbesondere aus Polen und der Ukraine. Antisemitismus in den Herkunftsländern führte dazu, dass viele nicht in ihre Heimatorte zurückkehren konnten. In Deutschland waren sie zunächst in DP-Lagern (Displaced Persons Camps) untergebracht, wo auch religiöse und kulturelle jüdische Gemeinschaften entstanden. Die meisten dieser osteuropäischen Jüdinnen und Juden emigrierten nach wenigen Jahren in die USA oder ab 1948 nach Israel. Antisemitismus blieb nach 1945 ein dauerhafter Begleiter. Familien berichteten in Zeitzeugeninterviews von Ausgrenzung, alltäglicher Bedrohung und ihrem Rückzug ins Private. Jüdische Identität wurde oftmals im vertrauten Kreis Gleichgesinnter gelebt, etwa in kleinen Gemeinden oder Netzwerken wie der VVN (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes).

Persische Juden und Hamburger Teppichhandel Einen Sonderfall stellt die jüdisch-iranische Migration nach Hamburg dar. Dort entwickelte sich ab den 1950er Jahren ein florierendes Teppichhandel-Netzwerk, das Hamburg zum größten Umschlagplatz Europas für Perserteppiche machte. Die persischen Juden brachten religionsgebundene Riten mit und integrierten sich in die lokale Gemeinde. Die Erfahrungen der iranischen und europäischen Juden differierten stark: Während iranische Juden familiär vernetzt blieben und keine Holocaust-Erfahrung hatten, standen viele deutsche Juden – oft ohne ihre Angehörigen – vor dem Nichts.

Wandel durch Einwanderung aus der Sowjetunion Nach dem Zusammenbruch der UdSSR kamen ab 1991 rund 220.000 sogenannte jüdische Kontingentflüchtlinge nach Deutschland. Der Begriff Kontingentflüchtling steht für eine Gruppenaufnahme aus historischen und politischen Gründen, mit Bezug auf „Wiedergutmachung“. Diese Migration veränderte die jüdische Gemeinschaft grundlegend: Die Mehrheit der Gemeindemitglieder stammte fortan aus Osteuropa, sprach andere Sprachen und war meist wenig religiös geprägt. Die Herausforderungen für soziale Integration, religiöse Praxis und Erinnerungskultur waren enorm.

Erinnerungskultur und aktuelle Entwicklungen Die unterschiedlichen Migrationswellen führten zu vielschichtigen Erinnerungskulturen: Während osteuropäische Juden häufig den Sieg über den Faschismus in den Vordergrund stellen, ist für viele deutsche Juden der Holocaust zentral. Projekte wie die Erforschung ukrainisch-jüdischer Familiengeschichte zeigen, dass lokale Erinnerungsorte und Narrative oft differieren. Seit spätestens den 2000er Jahren wandern zunehmend junge Israelis und amerikanische Juden nach Deutschland, häufig nach Berlin. Sie suchen oft bessere und friedlichere Lebensbedingungen, Bildungschancen, und politische Freiheiten oder knüpfen familiäre Bande. Aktuelle Krisen, wie der Krieg in Gaza und Antisemitismus in Europa, bestimmen zwar auch ihre Lebenswirklichkeit in Deutschland, haben aber bisher nicht zu nennenswerten Rückwanderungen geführt.

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