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EGL108 Empfindungsfähigkeit oder die Entwicklung des Bewusstseins (Bewusstsein 3)
Episode Description
"A creature is sentient if but only if it consciously experiences qualia, by virtue of which it becomes like something to be itself." — Nicholas Humphrey, Sentience (2023)
In dieser Folge spazieren wir während der Aufnahme durch das periphere Lichtenberg und erkunden dabei die Tiefen des evolutionären Bewusstseins. Flo stellt Micz das Buch „Sentience – The Invention of Consciousness" von Nicholas Humphrey vor, einem britischen Neurophysiologen, Psychologen und Philosophen, der auf 50 Jahre Forschung zurückblickt und dabei eine ziemlich umfassende These aufstellt: Bewusstsein, so Humphrey, ist eine biologische Erfindung der Evolution, und echtes, gefühltes „phänomenales Bewusstsein" haben nur Säugetiere und Vögel. Fische, Reptilien, Insekten und auch Oktopusse fallen da raus. Das zeigt auch das Arche-Noah-Gemälde von Bruegel dem Älteren: Darauf abgebildet sind lauter Tiere aus dem Zoo, wie Micz bemerkt, also Tiere, die nach Humphrey eine echte Empfindungsfähigkeit entwickelt haben. Bevor Flo die Kernthesen von Nicholas Humphrey ausführlicher vorstellt, machen wir einen Ausflug in die Verhaltensforschung, in dem es sehr anekdotisch zugeht: der blinde Affe Helen, der trotz herausoperiertem visuellen Kortex „wie ein Frosch" sehen kann (Blindsight); die tragische Geschichte der iranischen Frau HD, die nach einer Augen-OP zwar sehen könnte, sich aber als Blinde wohler fühlt; Affen, die bei Rot schneller reagieren als bei Blau - und das nicht, wie ursprünglich angenommen, aus einem Ästhetik-Empfinden, sondern aus dem puren Überlebenswillen; sowie die Sinnessuche bei Säugetieren und Vögeln, die sich auch in Masturbation ausdrücken kann. Warum können wir empfinden? Was ist der evolutionäre Vorteil? Kommen wir zum theoretischen Kern: Humphrey baut die Entwicklung von Bewusstsein wie ein Ingenieur auf dem Reißbrett in drei Stufen. Stufe 1 beschreibt die „Sentition" – eine der Wortschöpfungen von Humphrey, die sich aus Sensation und Action zusammensetzt: Reiz trifft auf Zelle, sichtbare Reaktion folgt, noch ganz ohne Gefühl. In der 2. Stufe ist schon ein Proto-Selbst entstanden, durch abgespeicherte Reiz-Reaktions-Kopien – d. h. das Tier verfügt über eine mentale Map, auf der Reiz und Reaktion im Inneren ablaufen können, ohne dass es zu einer äußeren Reaktion kommt. Und in Stufe 3 macht es schlagartig „Whoosh" (auch eine gern rezitierte Wortschöpfung): Durch Rückkopplungsschleifen im Gehirn entsteht das phänomenale Selbst. Voraussetzung dafür ist die Warmblütigkeit. Damit erhöhen sich die Reaktionsgeschwindigkeiten in den Leiterbahnen der Nervenzellen, und es entstehen bestimmte Zelltypen für die Rückkopplungseffekte, die die Grundlage für das phänomenale Bewusstsein sind. Deshalb fühlt der Hund mit seinem wertenden Selbst aber nicht der Oktopus. Micz ist recht angetan vom „Roh-Material" von Flos Erzählung, aber so recht „Whoosh" hat es bei ihm nicht gemacht: Dieser Sprung von mehreren Hundert Millionen Jahren aus dem Nichts zum phänomenalen Bewusstsein will nicht so recht zünden. Wir diskutieren zum Abschluss über Gradienten, Panpsychismus und die Frage, ob ein Tyrannosaurus Rex vielleicht doch masturbieren konnte. Am Ende bleibt die zentrale, starke Idee: Es gibt keine Stelle im Gehirn, die Rot sieht – es gibt nur das Erleben von „Redness". Qualia als Erlebnisfähigkeit. Und die Erkenntnis, dass jedes Tier auf der Arche sein eigenes kleines Fotoalbum der Empfindungen mit sich trägt...
Shownotes
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- EGL108 | Wanderung | Komoot
- Kaskelkiez – Berlin.de
- Dong Xuan Center – Wikipedia
- Links zur Episode
- Nicholas Humphrey - Wikipedia – Wikipedia
- How did consciousness evolve? - with Nicholas Humphrey - YouTube
- Giles Brindley - Wikipedia – Wikipedia
- C. D. Broad – Wikipedia
- Jan Brueghel the Elder - The Entry of the Animals into Noah
- Penrose-Dreieck – Wikipedia
- Visuelle Wahrnehmung – Wikipedia
- Colliculi superiores – Wikipedia
- Lawrence Weiskrantz – Wikipedia
- Rindenblindheit – Wikipedia
- Helen "A blind monkey who sees everything". A case of super-blindsight. - YouTube
- Dian Fossey – Wikipedia
- Gorillas – Wikipedia
- Gorillas im Nebel – Wikipedia
- Dunbar-Zahl – Wikipedia
- Qualia – Wikipedia
- Philia – Wikipedia
- Ontogenese – Wikipedia
- Reafferenzprinzip – Wikipedia
- David Hume - Wikipedia – Wikipedia
- Gleichwarmes Tier – Wikipedia
- Mein Lehrer, der Krake – Wikipedia
- Propriorezeptor – Wikipedia
- Attraktor – Wikipedia
- Florian Clauß (Erzähler)
- Micz Flor
I. Die große Frage
Alles beginnt mit einem Blick in den Sternenhimmel. Humphrey liegt nachts in einem Whirlpool am Rande der Mojave-Wüste und fragt sich, ob es da draußen jemanden gibt, der so empfindet wie er:
„Hello, E.T., if you can hear me. Do you have this dual nature, too? Is the light on inside your head? Do your sensations have the same eerie, immaterial quality that mine do? I want to think so. I want this to be shared.“
Aus dieser kosmischen Sehnsucht wird schnell eine irdische Frage: Wer außer uns fühlt eigentlich? Und woran würden wir das erkennen? Denn eines steht für Humphrey fest – Empfindungsfähigkeit ist keine Kleinigkeit, sondern die außergewöhnlichste Behauptung, die wir über ein Wesen aufstellen können:
„The claim that any creature, human or otherwise, is sentient, is about as extraordinary a claim as we can make. It’s an extraordinary claim even to make about ourselves. The one thing I know is I am sentient.“
II. Was Empfindungsfähigkeit überhaupt ist
Bevor wir klären können, wer fühlt, müssen wir wissen, was „fühlen“ heißt. Humphrey definiert Empfindungsfähigkeit über das berühmte „Wie-es-sich-anfühlt“ – über jene besondere Qualität, die Philosophen Qualia nennen:
„A creature is sentient if but only if it consciously experiences qualia, by virtue of which it becomes like something to be itself.“
Entscheidend ist dabei die Unterscheidung zwischen zwei Dingen, die wir oft in einen Topf werfen: dem bloßen Verarbeiten von Information und dem tatsächlichen Erleben. Für Humphrey gibt es deshalb zwei Arten von Bewusstsein – und nur eine davon ist das eigentliche Rätsel. Intelligenz allein, so seine wiederkehrende Mahnung, ist eben nicht dasselbe wie Empfindung. Ein Wesen könnte hochintelligent sein und trotzdem innerlich völlig dunkel:
„A creature lacking this dimension of experience would be capable of introspection, could know its own mind, have a self-narrative, be highly intelligent, goal-directed, motivated, percipient, and so on. Such a creature, by our definitions, would undoubtedly possess a form of consciousness. But because it would not be experiencing sensory qualia, it would not be sentient.“
Genau deshalb, betont Humphrey immer wieder, führen uns kluge Kunststücke in die Irre. Ein Oktopus, der ein Schloss knackt, beweist Cleverness – aber nichts über sein Fühlen. Die richtige Frage stellte schon Jeremy Bentham:
„The question is not can they reason nor can they talk, but can they suffer?“
III. Die Herleitung: Bewusstsein als Erfindung der Evolution
Humphreys kühnster Schritt ist, das Bewusstsein nicht als Geheimnis zu behandeln, sondern es Schritt für Schritt zu erfinden – wie ein Ingenieur, der rückwärts vom fertigen Produkt aus konstruiert. Sein Ausgangspunkt ist ein primitives Urtier, das auf Reize mit einer bewertenden Körperreaktion antwortet. Diese Reaktion nennt er „Sentition“:
„When salt arrives at its skin, it detects it and wriggles saltily. When red light falls on it, it makes a different kind of wriggle. It wriggles redly. The responses are automatic, reflex behaviors that reach out to the stimulus with an evaluative response.“
Aus dieser reflexhaften Reaktion wird in einem zweiten Schritt eine innere Repräsentation: Das Tier „belauscht“ seine eigene Reaktion und bildet so ein erstes, noch blasses Selbst. Doch das eigentlich Erstaunliche geschieht in der dritten Stufe. Wird die Reaktion nach innen verlagert, entsteht eine Rückkopplungsschleife – und diese verwandelt die schlichte Empfindung in etwas radikal Neues:
„The upshot is that sensations come to be experienced as being inalienably private, suffused with distinctive modality-specific qualities, rooted in the thick time of the subjective present, made of immaterial mind-stuff. In short, phenomenal.“
Dieser Übergang ist für Humphrey kein allmähliches Hinübergleiten, sondern ein Kippen – ein Alles-oder-Nichts. Das empfindungslose Tier wacht schlagartig auf im Moment des Erlebens:
„The species of animal that was insentient wakes up to find itself living in the thick moment of phenomenal consciousness.“
IV. Wozu das alles? Das wertvolle Selbst
Warum sollte die Evolution sich diese Mühe machen? Humphreys Antwort dreht sich um das Selbst. Empfindungen geben uns nicht nur Information über die Welt – sie geben uns das Gefühl, jemand zu sein. Gegen Descartes‘ „Ich denke, also bin ich“ setzt Humphrey, in der Tradition David Humes, das Fühlen als Fundament des Ichs. Und er geht noch weiter: Das phänomenale Selbst ist eine Art Bollwerk gegen die kalte Wahrheit der reinen Materie:
„We have a phenomenal self in order not to die of materialism.“
Dieses erhobene Selbst hat eine handfeste biologische Funktion: Es macht uns zu „natürlichen Psychologen“, die den Geist anderer verstehen können, indem sie sich selbst als Modell nehmen. Wer weiß, wie es sich anfühlt, er selbst zu sein, kann sich in andere hineinversetzen. Doch bei aller Bedeutung von Lust und Schmerz – für Humphrey sind sie nicht alles, aber sie zählen unbestreitbar:
„We don’t live by bread alone. Pain and pleasure can’t be all that matters. But there’s no question that they matter. When we have a reason to think someone is suffering, we have a duty of care.“
V. Die provokante Grenze: Warmblütigkeit
Und nun der Punkt, mit dem Humphrey am meisten aneckt. Er ist überzeugt, dass phänomenales Bewusstsein an eine biologische Voraussetzung gebunden ist: die Warmblütigkeit. Nur ein warmes Gehirn ist schnell genug für die nötigen Rückkopplungsschleifen. Das Ergebnis ist eine scharfe Trennlinie durch das Tierreich, die sein Freund Daniel Dennett so zusammenfasst:
„The warm-blooded mammals and birds literally had the time and energy to escape into the rarefied design space of phenomenal consciousness while the rest of the living world had to settle for varieties of zombie cleverness. […] If Humphrey’s right, there is nothing it is like to be an octopus, in spite of their beguiling behavior, but there is something it is like to be a chicken.“
Das bedeutet nicht, dass die übrigen Tiere „dumm“ wären. Ein „Zombie“ im Sinne Humphreys kann durchaus intelligent, gesellig und lernfähig sein – ihm fehlt nur das innere Licht. Die überwältigende Mehrheit der Tiere, so seine nüchterne Schlussfolgerung, gehört in diese Kategorie:
„If our arguments stand up, the default assumption must be that the vast majority of animals are insentient.“
VI. Die ethische Verantwortung
Was zunächst wie eine akademische Debatte klingt, hat unmittelbare moralische Folgen. Denn wenn nur bestimmte Wesen wirklich fühlen, dann müssen wir dringend richtig liegen mit unserer Einschätzung, wer dazugehört. Humphrey macht daraus eine Verpflichtung:
„Terrible to be wrong, but irresponsible not to be right.“
Empfindungsfähige Wesen, so sein Argument, haben einen absoluten Anspruch auf unsere Fürsorge – gerade weil sie sich selbst etwas bedeuten:
„Animals that are phenomenally conscious have an absolute claim on us that insentient animals do not. So the welfare of dogs should matter to us more than that of octopuses because dogs matter to themselves in a way that octopuses do not.“
VII. Der bleibende Gedanke
Am Ende steht eine Idee, die zugleich nüchtern und poetisch ist. Bewusstsein ist für Humphrey keine mystische Substanz und keine Eigenschaft der Materie, sondern eine der erstaunlichsten Erfindungen, die die Evolution je hervorgebracht hat – so kostbar, dass ihr Verschwinden das ganze Universum ärmer machen würde. Vielleicht, spekuliert er, ist die Erde sogar der einzige Ort, an dem überhaupt etwas empfunden wird. Und so schließt sich der Kreis zum einsamen Blick in den Sternenhimmel vom Anfang: Empfindungsfähigkeit ist womöglich das Wertvollste und Seltenste, was es gibt – ein flackerndes Licht, das wir bewahren sollten, gerade weil wir nicht wissen, ob es sonst irgendwo brennt.
Alle Zitate aus: Nicholas Humphrey, „Sentience: The Invention of Consciousness“, MIT Press, 2022.