Episode Description
OM MANI PEME HUNG
In dieser Folge sprechen wir über Buddhismus und steigen gleich praktisch mit einer kleinen Meditation in das Thema ein. Die kurzen Sätze zur Einstimmung umfassen bereits sehr zentrale Aspekte der buddhistischen Lehre. Flo ist auf das Thema gekommen, weil er zum einen selbst lange Zeit praktizierender Buddhist war und zum anderen Micz ihn mit seiner vorherigen Episode dazu angespornt hat, eine Verbindung zwischen dem Bewusstseinsbegriff nach Freud und dem Buddhismus herzustellen. Die Frage, wie sich Buddhismus zur Psychoanalyse verhält, klären wir dann in der nächsten Folge. In dieser sprechen wir zunächst über die Grundlagen des Buddhismus. Flo erzählt die Lebensgeschichte des historischen Buddha mit dem bürgerlichen Namen Siddhartha Gautama: wie er die Erfahrung von Leid mit Alter, Krankheit und Tod machte, wie er bei den Asketen nach Antworten suchte, aber keine fand, und sich schließlich unter den Bodhi-Baum setzte und gelobte, nicht eher aufzustehen, bis er die Antwort gefunden habe. Und so wurde Siddhartha zum Buddha, dem Erleuchteten, und gab in den restlichen 45 Jahren seines Lebens seine Lehren weiter. Dabei erklären wir zentrale Begriffe wie die vier edlen Wahrheiten, den achtfachen Pfad, Karma, Ich-Illusion und Mitgefühl. Die drei Fahrzeuge bezeichnen die heute noch bestehenden Schulen des Buddhismus. Der Vajrayana, der Diamantweg, ist die Schule des tibetischen Buddhismus, die verspricht, mit dem richtigen Lehrer (Lama) und der richtigen Verbindung innerhalb eines Lebens die Erleuchtung erlangen zu können. Hier spielen Methoden wie Visualisierungen, Mantren und Einweihungen eine zentrale Rolle, wie Flo aus eigener Erfahrung berichten kann, da er lange Zeit nach der tibetischen Karma-Kagyü-Schule praktizierte. Auch dieses Thema nehmen wir mit in die nächste Episode, da der tibetische Buddhismus ein umfassendes System zur Transformation von „Geistesgiften" entwickelt hat, das aus einem psychoanalytischen Blickwinkel interessant zu betrachten ist. In dieser Episode sitzen wir mehr, als dass wir wie sonst laufen. Wir starten sitzend im Körnerpark in Rixdorf und enden nicht weit entfernt auf der Thomashöhe in den Neuköllner Rollbergen.
Shownotes
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- Florian Clauß (Erzähler)
- Micz Flor
Der Buddhismus gehört zu den ältesten Weltreligionen und zählt heute etwa fünfhundert Millionen Anhänger. Entstanden ist er im fünften oder sechsten Jahrhundert vor Christus in Nordindien, im Grenzgebiet zwischen dem heutigen Nepal und Indien. Eine klassische Religion im westlichen Sinne ist er nicht: Er kennt keinen Schöpfergott, keine bindende Offenbarung und kein Dogma. Er ist eher Lehre, Philosophie und Lebensweg, dessen Wahrheit jeder Mensch durch eigene Erfahrung prüfen soll. Sein Gründer ist Siddhartha Gautama, der später Buddha genannt wurde – der Erwachte. Damit beginnt der Buddhismus nicht mit einem Gott, sondern mit einem Menschen.
Leben und Erwachen des historischen Buddha
Siddhartha wurde um 563 vor Christus in Lumbini geboren, im heutigen Nepal, als Sohn von König Suddhodana und Königin Maya. Er stammte aus dem Adelsgeschlecht der Shakya, weshalb er später auch Shakyamuni genannt wurde – Weiser der Shakya. Eine alte Legende berichtet, seine Mutter habe von einem weißen Elefanten geträumt, ein Zeichen außergewöhnlicher Geburt. Der Seher Asita prophezeite, der Junge werde entweder ein großer König oder ein großer spiritueller Lehrer. Sein Vater entschied sich für die königliche Variante und schirmte ihn ab: drei Paläste für die Jahreszeiten, eine Heirat mit Yashodhara, ein Sohn namens Rahula, kein Anblick von Krankheit, Alter oder Tod. Bereits hier deutet sich ein zentraler Gedanke an: Wohlstand allein erfüllt nicht.
Mit etwa neunundzwanzig Jahren zerbrach dieser Schutzschild. Bei vier Ausfahrten begegnete Siddhartha einer Realität, die ihm bis dahin verborgen worden war. Er sah einen Greis und erkannte die Unausweichlichkeit des Alters, einen Kranken und die Universalität der Krankheit, einen Toten und die Allgemeinheit des Todes. Schließlich begegnete er einem Asketen – einem Menschen, der sich auf den Weg gemacht hatte, Antworten zu finden. Diese vier Begegnungen bilden später die Grundlage der Vier Edlen Wahrheiten. Zwei Begriffe gehören seither zu Buddhas Lehre: Dukkha, das Leid, und Anicca, die Vergänglichkeit.
Wie radikal das gemeint ist, illustriert die Geschichte von Kisa Gotami und dem Senfkorn. Eine junge Mutter verliert ihr einziges Kind und trägt den toten Säugling, halb wahnsinnig vor Schmerz, von Tür zu Tür. Buddha verspricht zu helfen, wenn sie ein Senfkorn aus einem Haus bringe, in dem nie jemand gestorben sei. Senfkörner gibt es überall, doch in jedem Haus wurde bereits getrauert. Allmählich erkennt Kisa, dass Tod und Verlust jeden Menschen treffen. Sie kehrt zurück, bestattet ihr Kind und wird Schülerin Buddhas. Buddha hält keine Predigt – er lässt sie selbst sehen. Heilung kommt durch Einsicht, nicht durch Verdrängung.
Was nun folgt, nennt die Tradition die große Entsagung. Siddhartha verlässt nachts heimlich Frau, Kind und Reichtum, schneidet sich die Haare ab und tauscht königliche Gewänder gegen die Robe eines Asketen. Sechs Jahre lang lernt er bei Yoga-Lehrern, vor allem bei Alara Kalama und Uddaka Ramaputta, und erreicht deren höchste Versenkungsstufen. Mit fünf Gefährten praktiziert er extremes Fasten und Selbstkasteiung. Doch er erkennt, dass auch der extreme Verzicht nicht zur Befreiung führt; er schwächt nur Geist und Körper. Als die Bäuerin Sujata ihm Reisbrei reicht und er ihn annimmt, verlassen ihn die fünf enttäuscht. Aus dieser Erfahrung wird der Mittlere Weg geboren – nicht zu verwechseln mit Mittelmaß oder Lauheit, sondern verstanden als Weisheit jenseits der Extreme: weder Hingabe an die Lust noch Abtötung des Körpers, sondern Klugheit, Mäßigung und innere Balance.
Siddhartha setzt sich unter eine Pappelfeige in Bodhgaya und gelobt, nicht aufzustehen, bevor er die Wahrheit erkannt habe. Er widersteht den Versuchungen Maras, des Dämons der Begierde, Angst und des Todes. In drei Wachen jener Nacht erinnert er sich zunächst seiner früheren Leben, erkennt dann das Gesetz von Karma und Wiedergeburt und schließlich die Vier Edlen Wahrheiten. Mit etwa fünfunddreißig Jahren erlebt er Bodhi, das Erwachen, und wird zum Buddha.
Die Vier Edlen Wahrheiten und der Achtfache Pfad
Die Vier Edlen Wahrheiten lassen sich als alte Krankheitsmetapher fassen. Erstens: Das Leben ist von Leid geprägt – das ist die Krankheit. Zweitens: Die Ursache des Leids ist die Begierde, das Anhaften (Tanha) – das ist die Diagnose. Drittens: Das Leid kann überwunden werden (Nirodha) – das ist die Gesundheit. Viertens: Der Weg dazu ist der Edle Achtfache Pfad (Magga) – das ist die Medizin.
Der Edle Achtfache Pfad gliedert sich in drei Bereiche: Weisheit, Ethik und Sammlung. Zur Weisheit gehören die rechte Erkenntnis und die rechte Gesinnung – das Verstehen der Vier Edlen Wahrheiten und die innere Haltung von Wohlwollen und Gewaltlosigkeit. Zur Ethik gehören die rechte Rede, das rechte Handeln und der rechte Lebenserwerb. Die rechte Rede meint Wahrhaftigkeit, das Vermeiden von Verleumdung, grober Rede und leerem Gerede. Das rechte Handeln meint nicht töten, nicht stehlen und keine sexuelle Verletzung anderer. Der rechte Lebenserwerb meint, dass die Arbeit, mit der man sein Leben verdient, niemandem schaden soll – Buddha nannte ausdrücklich Handel mit Waffen, Lebewesen, Fleisch, Rauschmitteln und Giften als zu vermeiden. Zur Sammlung gehören das rechte Bemühen, die rechte Achtsamkeit und die rechte Konzentration: die Energie, mit der man heilsame Geisteszustände entwickelt, das klare Gewahrsein des gegenwärtigen Moments und die meditative Vertiefung in den Versenkungsstufen.
Leicht missverstanden wird die Struktur des Pfades: Er ist kein lineares Programm und keine Treppe mit acht Stufen, sondern ein Geflecht aus acht Aspekten eines integrierten Lebenswegs, die alle gleichzeitig kultiviert werden. Das Wort „samma“, oft mit „recht“ übersetzt, bedeutet nicht „korrekt“ im moralischen Sinn, sondern stimmig, geschickt, heilsam, weise. Der Pfad ist kein Gesetzbuch, sondern eine Kunst des Lebens.
Lehrtätigkeit, Gemeinschaft und Kernbegriffe
Buddha hält seine erste Lehrrede in Sarnath im Wildpark bei Varanasi. Sie heißt traditionell „Drehen des Rades der Lehre“ (Dharmachakra). Aus den fünf ehemaligen Asketengefährten wird die erste Sangha, die Mönchsgemeinschaft. Damit sind die Drei Juwelen des Buddhismus beisammen: Buddha als Vorbild, Dharma als Lehre, Sangha als Gemeinschaft. In den folgenden fünfundvierzig Jahren wandert Buddha durch Nordindien und lehrt Mönche und Nonnen, Könige und Bauern, Gelehrte und Räuber. Über diese lange Zeit hinweg gab er verschiedene Belehrungsstufen, die als wiederholte „Drehungen“ des Dharma-Rades verstanden werden.
Für die damalige Zeit ist seine Praxis revolutionär: Er lehnt das Kastensystem ab und nimmt Männer wie Frauen als Anhänger auf – beginnend mit seiner Stiefmutter Mahapajapati. Glauben verlangt er nicht; sein berühmter Aufruf lautet „ehi-passiko“ – „komm und sieh selbst“. In dieser Phase entfalten sich die weiteren Kernlehren: Karma als Gesetz von Ursache und Wirkung des Handelns, Samsara als Kreislauf von Geburt, Tod und Wiedergeburt, Anatta als Lehre vom Nicht-Selbst, also der Einsicht, dass es kein unveränderliches Ich gibt, sondern nur einen dynamischen Prozess. Buddhas Herangehensweise war dabei stark empirisch ausgerichtet; statt der Frage, wie sich das Ich substanziert, stellte er die radikalere Frage, ob es das Ich überhaupt gibt. Hinzu kommen Anicca, die Vergänglichkeit aller Phänomene, und Nirvana, das Erlöschen von Gier, Hass und Verblendung. Karuna, das Mitgefühl, und Metta, die liebende Güte, sind keine Gebote, sondern ethische Grundhaltungen.
Aus dieser Zeit stammen zwei Anekdoten, die Buddhas Haltung illustrieren. In der ersten sucht ein wütender Mann Buddha auf und beschimpft ihn lautstark. Buddha hört ruhig zu, ohne zu reagieren. Als der Mann fertig ist, fragt Buddha: „Wenn du jemandem ein Geschenk anbietest und er nimmt es nicht an, wem gehört es dann?“ Der Mann antwortet: „Mir, denn ich habe es gebracht.“ Buddha entgegnet: „So ist es auch mit deinen Beschimpfungen. Ich nehme sie nicht an. Sie gehören dir.“ In dieser Szene steckt Upekkha, der Gleichmut: Wir bestimmen selbst, was wir annehmen, und Hass mit Hass zu beantworten verstärkt nur das Leid.
Die zweite Geschichte handelt von Angulimala, einem gefürchteten Räuber, der eine Kette aus den Fingern seiner Opfer trug. Buddha geht ihm allein und unbewaffnet in den Wald entgegen. Angulimala will ihn töten und rennt ihm nach, kann ihn aber nicht einholen, obwohl Buddha ruhig geht. Verwirrt ruft er: „Bleib stehen!“ Buddha antwortet: „Ich stehe still, Angulimala. Stehe auch du still – halte ein mit deinem Töten.“ Angulimala wirft seine Waffen weg und wird Mönch. Doch auch als Mönch muss er Beschimpfungen und Steinwürfe ertragen – das Karma seiner früheren Taten. Die Geschichte sagt zweierlei zugleich: Wandlung ist immer möglich, und kein Mensch ist verloren – und doch lassen sich die Folgen unseres Handelns nicht einfach abstreifen.
Mit etwa achtzig Jahren stirbt Buddha in Kushinagar. Seine letzten Worte sind sinngemäß überliefert: „Alle zusammengesetzten Dinge sind vergänglich. Strebt unermüdlich nach eurer Befreiung.“ Er geht in das Parinirvana ein, das endgültige Erlöschen. Auch der Buddha unterliegt der Vergänglichkeit, die er gelehrt hat. Was bleibt, ist nicht der Lehrer, sondern die Lehre.
Überlieferung und Authentizität
Ein kurzer Blick auf die Überlieferung selbst lohnt sich, denn sie ist bemerkenswert. Buddha hat zu Lebzeiten kein einziges Wort schriftlich festgehalten. Es gibt keine Originalaufzeichnungen aus seiner Zeit, und die ältesten erhaltenen Schriften stammen aus einer Periode mehrere Jahrhunderte nach seinem Tod. Dennoch gilt der Pali-Kanon heute als erstaunlich verlässliche Quelle.
Der Grund liegt in der hochentwickelten mündlichen Überlieferungstradition Indiens. Heilige Worte sollten gesprochen, nicht geschrieben werden, und vedische Texte wurden seit über tausend Jahren mündlich tradiert, mit erstaunlicher Genauigkeit. Buddha selbst lehrte in Wiederholungen, Listen und Formeln, bewusst gedächtnisfreundlich – die vielen Wiederholungen in den Sutren sind keine Stilschwäche, sondern Erinnerungshilfe. Direkt nach Buddhas Tod versammelten sich fünfhundert erleuchtete Mönche zum ersten Konzil in Rajagriha. Ananda, Buddhas persönlicher Begleiter über fünfundzwanzig Jahre, rezitierte alle Lehrreden, Upali rezitierte die Mönchsregeln. Die Versammlung prüfte und bestätigte gemeinsam jede Rezitation. Daher beginnt jede Sutra mit der Formel „Evam me sutam“ – „So habe ich gehört“. Über die Jahrhunderte spezialisierten sich Bhanaka-Gruppen auf einzelne Textsammlungen und kontrollierten sich gegenseitig. Erst etwa vierhundert Jahre später, im ersten Jahrhundert vor Christus, wurde der Pali-Kanon in Sri Lanka erstmals auf Palmblätter geschrieben. Mahayana-Sutren entstanden ab dem ersten Jahrhundert nach Christus, Vajrayana-Tantras ab dem dritten bis achten Jahrhundert; sie beanspruchen, im Geist Buddhas weitergeführt zu sein, ihre Authentizität wird mystisch begründet, nicht historisch.
Die buddhistische Haltung dazu ist im Kalama-Sutta klar formuliert: „Glaubt nichts, weil es überliefert ist. Glaubt nichts, weil es in heiligen Schriften steht. Glaubt nichts, weil ich es gesagt habe. Prüft alles selbst durch eigene Erfahrung.“ Authentizität entsteht im Buddhismus letztlich durch praktische Wirksamkeit, nicht durch historischen Beweis.
Meditation als Weg
Im Westen kursiert die Vorstellung, Meditation bedeute, den Geist zu leeren. Das ist falsch. Das Sanskrit-Wort Bhavana bedeutet kultivieren, entwickeln. Meditation ist systematische Schulung des Geistes, nicht das Aushalten von Stille um ihrer selbst willen. Sie ist die zentrale Säule neben Ethik und Weisheit, und ihr Zweck ist direkte Erkenntnis, nicht intellektuelles Verstehen. Buddhismus ohne Meditation ist undenkbar. Buddha selbst hatte zunächst bei Yoga-Lehrern wie Alara Kalama und Uddaka Ramaputta gelernt und ihre höchsten Stufen erreicht, doch er erkannte, dass diese Versenkungen nicht zur endgültigen Befreiung führen. Sie sind Werkzeuge, keine Ziele. Aus dieser Einsicht entwickelte er seinen eigenen Weg.
Im frühen Buddhismus gibt es zwei Hauptmethoden, die in einer schönen Metapher zusammengefasst werden: sie sind die zwei Flügel des Vogels, beide nötig, damit er fliegen kann. Der erste Flügel heißt Shamatha, ruhiges Verweilen. Er steht für Sammlung, Konzentration und Beruhigung; das Ziel ist ein einspitziger, klarer, stabiler Geist, und die Methode ist die Aufmerksamkeit auf ein Objekt, meistens den Atem. Der zweite Flügel heißt Vipassana, klares Sehen oder Einsicht. Hier geht es nicht um Konzentration, sondern um analytische Beobachtung der Wirklichkeit. Erkannt werden sollen die drei Daseinsmerkmale: Vergänglichkeit, Leidhaftigkeit und Nicht-Selbst. Ohne Sammlung gibt es keine tiefe Einsicht, und ohne Einsicht keine Befreiung.
Buddhas eigene Hauptpraxis war Anapanasati, die Achtsamkeit auf den Atem. Der Atem ist immer da, neutral und niemandem gehörend; gerade in dieser Schlichtheit liegt das Geniale. Aus dieser Atembeobachtung entfaltet sich Satipatthana, die vier Grundlagen der Achtsamkeit: Achtsamkeit auf den Körper, auf die Empfindungen, auf den Geist und auf die Geistesobjekte. Genau diese vier Grundlagen bilden bis heute das Rückgrat der westlichen Achtsamkeitsbewegung, von MBSR bis MBCT. Hinzu kommen die Brahmaviharas, die vier göttlichen Verweilungen: liebende Güte (Metta), Mitgefühl (Karuna), Mitfreude (Mudita) und Gleichmut (Upekkha). Diese werden in alle Himmelsrichtungen ausgestrahlt – an Freunde, Fremde, Gegner und alle Wesen. Wer den Pfad weit geht, gelangt in die Jhanas, die acht Versenkungsstufen, die zunehmend feiner und stiller werden – doch Buddha betonte, sie seien Werkzeuge, nicht das Endziel.
Was diese frühen Praktiken auszeichnet, ist ihr Charakter: schlicht, methodisch, beobachtend, analytisch. Sie kommen ohne komplexe Visualisationen aus, ohne Gottheiten, ohne Mantras im späteren Sinn, ohne ausgearbeitete Ritualistik. Lehrer-Schüler-Beziehungen sind wichtig, aber kein Guru-Yoga. Man könnte diese frühe Meditation eine nüchterne Wissenschaft des Geistes nennen.
Ausblick
Im tibetischen Buddhismus wird sich dieser Zugang fundamental verschieben. Statt zu beobachten, wird transformiert. Statt eines neutralen Objekts wie dem Atem tritt eine sakrale Form, ein Yidam. Der subtile Körper mit seinen Energiekanälen, Lebenswinden und Tropfen wird selbst zum Übungsfeld. Die Meditation wird in zwei Stufen aufgeteilt: eine Erzeugungsstufe der Visualisation und eine Vollendungsstufe der Energiearbeit. Diese Entwicklung über anderthalbtausend Jahre, der tibetische Vajrayana mit seinem ausgearbeiteten System zur Transformation der Geistesgifte sowie der Vergleich mit der Psychoanalyse Sigmund Freuds bilden den Gegenstand des zweiten Teils.