Episode Description
„Von den Alpen bis zum Meer spannt sich die Kette erstarrter Männer. Wo andere Menschen ihre Haut haben, wird ihnen ein Panzer wachsen." Klaus Theweleit
Flo schenkt Micz zu Weihnachten einen Besuch des Stücks „Männerphantasien", aufgeführt am 10.01.2026 in der Box des Deutschen Theaters, der kleinsten Bühne des Hauses. Wir sind etwas aufgeregt, weil wir eigentlich noch nie zusammen ins Theater gegangen sind. Um 20 Uhr bringen wir uns vor der Box zur freien Platzwahl in Stellung und finden in der zweiten Reihe des klein bestuhlten Saals Platz. Das Stück fängt auch inmitten der Reihen an: Ein Schauspieler, als Zuschauer getarnt, rezitiert gleich zu Beginn Originaltexte aus dem Buch „Männerphantasien" von Klaus Theweleit. Wir als brave Kulturbürger versuchen, den Sätzen mit konzentriert gerunzelter Stirn zu folgen, bis der Schauspieler jäh mit den Worten unterbricht (sinngemäß): „Ich sag's nochmal einfacher. Also nicht verstehen, was da passiert ist, sondern fühlen." Es geht um die Freikorps, es geht um die Gewalt der faschistischen Prototypen, es geht um die neofaschistischen Auswüchse unserer heutigen Zeit. Große Teile des Stücks werden über Monologe getragen – Monologe, in denen eine*r des fünfköpfigen Ensembles in die Rolle einer zeitgenössischen Figur schlüpft: eine Person „aus der Pizzabox", die Andrew-Tate-Zitate spricht; eine Mutter, die zu den Vergewaltigungen ihres Sohnes emotional Stellung zu beziehen versucht; eine Frau, die vom Feminismus ins rechte Lager kippt und zuletzt ein Mann, der grillend schlechte Wortwitze reißt und sich mit seinem Nachbarn über Carports austauscht, dann aber fast im selben Atemzug die Farbgebung der Reichsflagge – Schwarz, Weiß, Rot – messerscharf analysiert. Als wir aus dem Theater kommen, werfen wir gleich unsere Aufnahmegeräte an, um uns frisch über die ersten Eindrücke auf den eisüberzogenen Straßen von Mitte auszutauschen. Micz rezitiert noch die Witze aus dem Stück: Steht ein Pilz im Wald, kommt der Hase vorbei und trinkt es aus. Warum steht da ein Pils? Weil die Tannen zapfen. Flo freut sich, dass sein Geschenk gut angekommen ist und Micz sich während des Stücks auch amüsiert hat. Wir können mit Theweleits „Männerphantasien" auch an eine unserer früheren Folgen anknüpfen: In Episode 60 zu dem Film „The Zone of Interest" referiert Micz über das Buch von Theweleit und stellt die Objektbeziehungstheorie der Psychoanalytikerin Melanie Klein vor, die eine theoretische Grundlage von „Männerphantasien" bildet. Während wir durch die Auguststraße vorbei an den Kunstwerken schlittern, gehen wir der Kernfrage nach, die sich auch in dem Stück stellt: Kann sich Geschichte wiederholen, oder sind die Freikorps der 1920er-Jahre aus einer singulären historischen Konstellation entstanden?
Shownotes
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- Deutsches Theater Berlin – Wikipedia
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- Männerphantasien: Deutsches Theater
- Männerphantasien – Deutsches Theater Berlin – Mit zeitgenössischen Texten liefert Theresa Thomasberger ein Update von Klaus Theweleits berühmter Faschismus-Studie
- Klaus Theweleit – Wikipedia
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Link zum Programm Männerphantasien am Deutschen Theater
Darsteller*innen: Svenja Liesau, Daria von Loewenich, Abak Safaei-Rad, Caner Sunar, Steve Katona (Gesang)
Regie: Theresa Thomasberger
Bühne und Kostüm: Mirjam Schaal
Musik: Oskar Mayböck
Licht: Peter Grahn
Dramaturgie: Lilly Busch
Aufführungsdauer: ca. 90 Minuten, keine Pause
Premiere: 1. Dezember 2023, Box
Nächster Spieltermin: 16.03.2026
Das Buch hinter dem Stück
Klaus Theweleits „Männerphantasien“, 1977 und 1978 in zwei Bänden erschienen, gehört zu den einflussreichsten Werken der deutschsprachigen Faschismusforschung. Ursprünglich als Dissertation angelegt, wuchs das Projekt weit über den akademischen Rahmen hinaus. Theweleit erhielt umfangreiches Quellenmaterial – Tagebücher, Berichte, Belletristik und Poesie von Freikorps-Soldaten der Zwischenkriegszeit – von einem Historikerkollegen, der sich mit deren Brutalität auseinandergesetzt hatte und dessen Ratlosigkeit angesichts des Materials den Anstoß gab. Theweleit las, sammelte und destillierte daraus eine Analyse, die eine entscheidende Frage anders stellte als die bisherige Forschung: nicht nur, wie der Faschismus politisch und ökonomisch möglich wurde, sondern welche Gefühlswelt ihm zugrunde lag.
Faschismus nicht als Ideologie, sondern als Körperzustand – mit diesem Ansatz dachte Theweleit die Geschichte des Nationalsozialismus neu. Er untersuchte anhand zahlreicher literarischer Texte die gestörten Körpervorstellungen und -erfahrungen präfaschistischer Freikorps-Soldaten in der Weimarer Republik und deren Verknüpfung mit historisch geformten Männlichkeitsvorstellungen. Er beobachtete, dass diese Männer von einer enormen Angst vor Selbstauflösung getrieben waren: einer Angst vor allem Fließenden, Lebendigen und weiblich Konnotierten, die mit Gewaltfantasien und insbesondere Hass gegen Frauen kompensiert wurde und in entfesselten Gewalttaten mündete.
Körperpanzer und das Fließende
In den Freikorps-Texten wird alles Fließende, Flüssige, Morastige als existenzielle Bedrohung erlebt. Die ersten gesprochenen Sätze auf der Bühne kreisen um dieses Bildfeld. Dagegen steht der Körperpanzer – ein Begriff, den Theweleit in Anlehnung an Wilhelm Reich entwickelt hat: eine Verhärtung aus Drill, Uniform und Disziplin, die das brüchige Innere zusammenhält. Theweleit verbindet das mit faschistischen Großprojekten wie der Trockenlegung von Sümpfen – die buchstäbliche Vernichtung des Fließenden.
Dazu gehört das Bild der „Nicht-zu-Ende-Geborenen“: Männer, deren Ich unter anderem aufgrund rigider Erziehungsmethoden und der Missachtung kindlicher Bedürfnisse nicht fertig entwickelt ist und die als Abwehrreaktion auf die empfundenen Bedrohungen einen Körperpanzer herausbilden. Theweleit nutzt den Begriff „nicht fertig geboren“ – ein Ausdruck, der die Anforderungen der Welt an diese kleinen Kinder bereits mitträgt. Margaret Mahler, auf die er sich bezieht, hatte darauf hingewiesen, dass Menschen biologisch zu früh geboren werden: Ein Fohlen kann nach zehn Minuten laufen, ein Menschenkind muss über Jahre versorgt und gehalten werden.
Schwarze Pädagogik und die Genese des Freikorps-Mannes
Die Söhne des Wilhelminischen Kaiserreichs wurden von ihren Müttern nur minimal versorgt – das Verhältnis war unterkühlt, es wurde kaum gestillt, es gab keine emotionale Nähe, die diesen Namen verdient hätte. Dann wurden sie den Müttern entrissen und in Kadettenanstalten „in Form geprügelt“. Die schwarze Pädagogik der Zeit zielte darauf ab, den Willen des Kindes zu brechen. Schwäche war nicht vorgesehen. Über Erziehungsanstalten und Kadettenschulen führte der Weg in den Ersten Weltkrieg und schließlich in die Freikorps der 1920er-Jahre – jene Formationen, die als Prototypen der späteren SA und SS gelten.
Micz erläutert in der Episode den theoretischen Rahmen, den Theweleit nutzt: Melanie Kleins Objektbeziehungstheorie. Klein beschrieb zwei frühe Entwicklungsstadien des Kindes. In der paranoid-schizoiden Position kann das Kind nur Teilobjekte wahrnehmen – die gute Brust, die stillt und wärmt, und die böse Brust, die nicht da ist. Erst in der depressiven Position erkennt das Kind, dass beide Brüste zur selben Person gehören. Bei den Freikorps-Männern, so Theweleits Schlussfolgerung, wurde dieser Entwicklungsprozess nie abgeschlossen. Die Kinder wurden der Mutter zu früh entrissen. Das Resultat war eine dauerhaft schizoide Haltung: Frauen wurden nur als Teilobjekte wahrgenommen – entweder als weiße Frau (entsexualisiert, mütterlich, verehrenswert) oder als rote Frau (Hure, Kommunistin, zu vernichten). Die innere Zerrissenheit und unregulierte Emotionalität wurde nach außen projiziert und dort gewaltsam vernichtet. Sexualität wurde durch Gewalt ersetzt: Blut statt Sperma, die Explosion der Handgranate als Orgasmus.
Oder anders formuliert: Den faschistischen Mann gab es schon, bevor der Nationalsozialismus da war.
Die Inszenierung: Ein Versuch im besten Sinne
Regisseurin Theresa Thomasberger hat das 1300-seitige Theoriewerk als Sprechtext für die Bühne kondensiert. Die epochale Untersuchung bildet für sie und ihr Team die Grundlage für eine Befragung heutiger Ausprägungen von Fascho-Männlichkeit. Der Abend basiert auf einem Prinzip der Montage, das auch Theweleit benutzt: Primärliteratur der präfaschistischen Freikorps kombiniert mit psychoanalytischen Texten, feministischen Perspektiven und neuem Material.
Neben Originaltexten Theweleits haben die Dramatikerinnen Svenja Viola Bungarten, Ivana Sokola und Gerhild Steinbuch neue Texte beigesteuert, die die Männerphantasien aus heutigen, weiblichen Perspektiven weiterdenken. Theweleit selbst hatte angemerkt, dass er sein Werk in den Begrifflichkeiten der 1970er-Jahre geschrieben hatte und dass es den Begriff „queer“ zu dem Zeitpunkt noch nicht gab. Die Inszenierung nimmt das zum Anlass, Männlichkeit als Kontinuum zu begreifen und bewusst Frauen in Männerrollen auftreten zu lassen. Thomasberger inszenierte mit einem Ensemble von drei Frauen und einem Mann sowie einem Sänger: „Wenn weiblich gelesene Personen sich Tätermännlichkeiten nähern, sie vorführen und verkörpern, dann wird etwas sichtbar und gleichzeitig anders verdaulich.“
Wir beschreiben das Stück als „Versuch“ – im positiven Sinne: ein suchender, mühevoller, aber ehrlicher Prozess, historisches Material mit zeitgenössischen Perspektiven zu verweben. Es gibt Momente, in denen es zu laut ist, zu viel, in denen man sich fragt, ob der nächste Bruch noch trägt. Es gibt englische Arien ohne Übertitel, bei denen man nur „Swamp“ versteht. Es gibt einen Wurstteller, der unter dem Stuhl geparkt werden muss. Aber gerade dieses Unfertige macht den Abend ehrlich. Die Interaktion zwischen Bühne und Publikum ist dabei nie übergriffig – es herrscht eine Art Komplizenschaft. Alle suchen gemeinsam.
Zeitgenössische Monologe: Andrew Tate, Tradwives und die Reichsflagge
Die eigentliche Kühnheit der Inszenierung liegt in den Sprüngen in die Gegenwart. Thomasberger betont: „Es gibt in unserer Fassung den Satz: ‚Die Faschisten haben überwintert.‘ Sie waren nie weg.“ Nazis sehen heute aus wie der Philosophiestudent Martin Sellner. Sie kommunizieren über Memes, verstecken sich hinter Avataren. Der Raum des Faschismus ist vor allem das Internet.
Das Stück aktualisiert Theweleits Analyse durch mehrere zeitgenössische Monologe. Eine Figur, die buchstäblich aus einer Pizzabox auftaucht, spricht Sätze, die unverkennbar nach Andrew Tate klingen. Eine weitere Szene widmet sich der Mutter eines Täters – Gerhild Steinbuchs Text porträtiert in poetischer Sprache eine Frau, deren Sohn sexualisierte Gewalt gegen Frauen ausübt und damit das Selbst- und Fremdbild seiner Mutter erschüttert.
Der stärkste zeitgenössische Monolog gehört einer Frau, die vom Feminismus ins rechte Lager kippt – geschrieben von Svenja Viola Bungarten. Die Figur organisiert sich während der Pandemie in feministischen Gruppen, identifiziert sich schließlich mit der Tradwife-Bewegung und argumentiert körperlich nachvollziehbar, warum es ermächtigend sei, zu Hause zu bleiben, während der Mann verdient. Die Schauspielerin macht diesen Kipppunkt fühlbar, ohne ihn zu denunzieren.
Daneben stehen Figuren, die sich einfacher Zuordnung entziehen. Eine Person mit Bierbauch und männlicher Schminke spricht zunächst über Carports, bevor sie unvermittelt in eine messerscharfe Analyse der Farben der Reichsflagge übergeht. In Ivana Sokolas Beitrag befragt ein erschöpfter Männersprechchor die eigene Zugehörigkeit und sucht zwischen Gesangsverein, freiwilliger Feuerwehr und Angelurlaub nach seinem Platz. Eine weitere Figur – engelsgleich in einem PVC-Tütü, oben ohne, mit muskulösem und zugleich sanftem Körper – singt Arien, um später ganz beiläufig Hertha-BSC-Ergebnisse herunterzurattern. In diesen Brüchen liegt eine Vielfältigkeit, die Theweleits binäre Kategorien bewusst aufsprengt.
Kann sich Geschichte wiederholen?
Die Frage, die den gesamten Abend durchzieht und die wir anschließend auf den vereisten Straßen weiter diskutieren: War das, was Theweleit beschrieben hat, eine singuläre historische Konstellation – oder kann es sich wiederholen?
Theweleits Theorie legt nahe, dass die Wiederholbarkeit im Mechanismus der Legitimierung liegt. Die Freikorps-Männer trugen ihre innere Zerrissenheit, ihre unregulierten Affekte, ihre Gewaltimpulse bereits in sich. Die Soldaten kamen traumatisiert aus dem Ersten Weltkrieg zurück und erlebten die veränderte Gesellschaft – Frauenrechte, Kommunismus, die Auflösung alter Ordnungen – als Bedrohung. Was Hitler und die nationalsozialistische Bewegung leisteten, war nicht die Erzeugung dieser Impulse, sondern ihre Normalisierung. Die Gesellschaft erlaubte es diesen Männern, ihre innere Unordnung nach außen zu tragen, Feindbilder zu finden und sich an ihnen abzuarbeiten. Wo Freud noch gesagt hätte, dass unbewusste Impulse unterdrückt werden und Leidensdruck erzeugen, da konnten die Freikorps-Männer ihre schizoiden Triebe ausleben, weil die Gesellschaft es legitimierte.
Die zeitgenössischen Parallelen, die das Stück aufzeigt, sind keine plumpen Gleichsetzungen. Sie markieren Momente der Normalisierung: Situationen, in denen Gesellschaften beginnen, Haltungen zu legitimieren, die zuvor als inakzeptabel galten. Der gesellschaftliche Wunsch, „man wird ja wohl noch sagen dürfen“, zeigt genau diesen Normalisierungsdruck. Die Incel-Community, die Reddits und Subreddits zum Thema Frauenhass – sie produzieren, wie Thomasberger es formuliert, reale Täter und reale Opfer.
Ein Schlüsselsatz aus dem Stück bleibt hängen: „Wo sind die denn alle jetzt? – Die haben nur überwintert. Die haben ihre Waffen überall vergraben.“
Nicht verstehen, sondern fühlen
Mit Klaus Theweleit lässt sich Faschismus als etwas verstehen, in das wir alle permanent verstrickt sind – „als ständig präsente oder mögliche Form der Produktion des Realen, [die] unter bestimmten Bedingungen auch unsere Produktion sein kann und ist.“ Es reicht nicht, die Geschichte des Faschismus im Bewusstsein aufzubewahren, sondern, wie Theweleit mit Walter Benjamin sagt: „Was man vernichten will, das muss man nicht nur kennen, man muss es, um ganze Arbeit zu leisten, gefühlt haben.“
Wir verlassen das Theater an diesem Abend mit dem Gefühl, dass das Stück etwas getan hat, was Theater in seinen besten Momenten tut: Es hat nicht nur gezeigt, was war. Es hat spürbar gemacht, was sein könnte – wenn wir nicht aufpassen. Auch heiter lässt es sich kritisieren und dekonstruieren. Aber über Ausformungen des Faschistischen zu lachen und sie damit von sich zu weisen, wäre zu kurz gegriffen. Hier setzen die Männerphantasien in der Regie von Theresa Thomasberger an.