Psychiater Joachim Bauer im Interview mit Ralf Hanselle: „Digitale Gewalt erklärt Menschen für vogelfrei“

May 21
1h 4m

Episode Description

Cicero – Magazin für politische Kultur

Seit dem Fall Collien Fernandes diskutiert die Öffentlichkeit über digitale Gewalt. Gerne wird dabei vergessen, dass die Digitalisierung unser emotionales Erleben ganz grundsätzlich auf den Kopf gestellt hat. Ein Gespräch mit dem Psychiater Joachim Bauer über die Frage, was das Valley fühlen nennt.

Joachim Bauer: Menschlichkeit in digitalen Zeiten. Warum wir ohne lebendige Wirklichkeit nicht leben können, Penguin 2026

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Inhalt Podcast:

04:12 "Der Punkt jetzt ist eben, dass die digitalen Hilfsmittel praktisch jede Beleidigung, die über die Plattformen läuft und jede Demütigung, jede Ausstellung einer anderen Person, durch ein Deepfake Video, was die andere Person dann nackt zeigt etc., dass jede dieser Untaten, die hier im digitalen Raum laufen, eben ein mindestens mittelgroßes bis großes Publikum hat. Das heißt, wir haben öffentliche Hinrichtungen, wir haben praktisch eine Situation, wie sie wahrscheinlich im Mittelalter laufend gegeben hat, nämlich, dass Leute auf dem Marktplatz öffentlich gedemütigt wurden, niedergemacht wurden, öffentlich gesteinigt wurden. Das ist das, was ich eben die Rückkehr hinter die Aufklärung bezeichnen, das, das was die Aufklärungen eigentlich uns gebracht hat, nämlich die Erkenntnis, dass jeder Mensch eine Würde hat, die zu achten ist, unabhängig von seiner Herkunft oder von seinem Stand, dass das praktisch aufgehoben ist und dass Menschen wieder vogelfrei sein können." (Joachim Bauer)

25:26 "Da haben wir fundamentale Irrtümer, wie diese Informationstechniker, diese Mathematiker, diese Entwickler von KI über den Körper denken. So wie sie glauben, wie der Körper angeblich funktioniert, so funktioniert er nicht. Ich bin eben ausgebildeter Biologe und Mediziner. Ich bin auch in der Genforschung viele Jahre aktiv gewesen, erfolgreich. Und das Modell, was die haben, dass unser ganzer Körper nichts ist als eine Software, eine technologische Software, ist ein fundamentaler Irrtum." (Joachim Bauer)

36:43 "Wir werden vielleicht im weiteren Verlauf des Gesprächs über die massiven Folgerungen, die das für die Pädagogik hat, sprechen, dass wir nämlich Kindern ermöglichen müssen mit ihren Körpern und dann Jugendlichen mit ihren Körpern in der analogen Welt unterwegs zu sein, und dass die digitale Übernutzung zu einer Entkörperlichung führt, die ein potenzielles Entwicklungsrisiko für die Kinder und Jugendlichen ist." (Joachim Bauer)

44:08 "So eine technizistische Religion, wo wir jetzt hinterherlaufen müssen, also erinnert mich so ein bisschen, altes Testament, goldenes Kalb, nicht alle müssen das irgendwie toll finden, weil es jetzt eben en vogue ist. Das ist der Punkt. An und für sich sind das doch tolle Spielgeräte, mit denen wir technisch, aber auch im Zwischenmenschlichen was machen können. Also zum Beispiel mit diesen Geräten auch das soziale Leben abzubilden und sich auszutauschen, das ist ja alles fantastisch. Der Punkt ist diese Überwältigung des Ganzen, dieser totalitäre Anspruch, den wir momentan haben seitens der Digitec-Firmen und ihrer Anbieter, ihrer peripheren Anbieter, denen wir uns dann hier im Alltag gegenüber sehen, nicht, dass man das alles jetzt ungeprüft sofort maximal gut finden muss, das ist das, wogegen ich mich wehre." (Joachim Bauer)

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