Episode Description
Michael Phelps springt ins Wasser – und sieht fast nichts mehr. Die Schwimmbrille füllt sich. Die Beckenlinien verschwinden. Die Wand verschwindet. Die Gegner verschwinden. Olympiafinal. 200 Meter Schmetterling. Genau der Moment, in dem Panik logisch wäre. Phelps tut etwas anderes: Er zählt seine Züge.
In Teil 2 der Reihe «Matchball-Momente» schaut Duri Bonin, Strafverteidiger in Zürich, auf Michael Phelps nicht nur als Rekordschwimmer und Gewinner von 28 olympischen Medaillen. Im Zentrum steht ein Mensch mit einem schnellen, unruhigen Kopf, der sich ein System aus kleinen, wiederholbaren Schritten aufbaute. Aus Unruhe wurde Bewegung. Aus Bewegung wurde Rhythmus. Aus Rhythmus wurde Leistung. Und aus eingeübten Abläufen entstand eine Struktur, die Phelps auch dann trug, als im entscheidenden Moment die Sicht wegfiel.
Was können Juristinnen und Juristen daraus für die mündliche Anwaltsprüfung, ein Plädoyer, eine Einvernahme oder eine schwierige Gerichtsverhandlung lernen?
Vielleicht dies: Unter Druck rettet uns selten ein neuer grosser Gedanke. Häufig trägt uns der nächste vorbereitete Schritt.
Darum geht es in dieser Folge
- Warum Michael Phelps mehr ist als 28 olympische Medaillen
- Weshalb die kleinen Schritte wichtiger sein können als der grosse Traum
- Was Bob Bowman mit Phelps schon früh trainierte
- Warum «Ich will Weltmeister werden» als tägliche Handlungsanweisung zu gross ist
- Wie konkrete, messbare Ziele Orientierung schaffen
- Wie eine Pre-Race-Routine vor dem Startblock funktioniert
- Weshalb Kopfhörer, Stretching, Kappe und Startposition keine blossen Nebensachen sind
- Warum Routine nicht Kosmetik ist, sondern Kontrolle über den eigenen Start
- Was 2008 in Peking geschah, als Phelps’ Schwimmbrille volllief
- Warum Züge zählen im Chaos stärker sein kann als spontane Genialität
- Was dieses Bild mit Anwaltsprüfung, Gerichtsverhandlung und Strafverteidigung zu tun hat
- Wie Juristinnen und Juristen reagieren können, wenn der Kopf leer wird
- Warum eine Unterbrechung nicht das Ende der eigenen Struktur sein muss
- Weshalb unerwartete Argumente und Mandantenreaktionen trainierbar sind
- Warum Panik dazu verleitet, eine sorgfältig vorbereitete Struktur über den Haufen zu werfen
- Weshalb der nächste Atemzug, der nächste Satz und die nächste Frage entscheidend sein können
- Wie Handlungsfähigkeit unter Druck aus kleinen, wiederholbaren Schritten entsteht
Der Weltmeister der kleinen Schritte
Michael Phelps gilt als einer der erfolgreichsten Schwimmer der Geschichte. 28 olympische Medaillen, davon 23 Goldmedaillen, erzeugen das Bild einer scheinbar unaufhaltsamen Medaillenmaschine. Doch wer nur auf diese Zahlen schaut, sieht das Ergebnis – nicht das Handwerk.
Interessant wird Phelps dort, wo die Medaillen noch nicht vorhanden sind: beim Kind mit ADHS, bei der Unruhe, beim Bedürfnis nach Struktur, bei der Wiederholung. Im Wasser findet Phelps ein klares System: eine Bahn, eine Uhr, eine Rückmeldung, eine Wiederholung, ein nächster Versuch. Der grosse Traum bleibt bestehen. Aber er wird in etwas übersetzt, das heute ausgeführt werden kann.
Bob Bowman: Den grossen Traum zerlegen
Phelps’ Trainer Bob Bowman arbeitet früh mit konkreten und messbaren Zielen. Nicht nur: Ich will Weltmeister werden. Sondern: Heute diese Einheit. Dieses Becken. Diese Zugzahl. Dieser Start. Diese Erholung. Dieser Schlaf. Der grosse Traum kann motivieren. Im Alltag ist er jedoch oft zu weit entfernt und zu gross, um eine klare nächste Handlung vorzugeben. Tragfähig wird er, wenn er in kleine Schritte zerlegt wird.
Dasselbe gilt für die Anwaltsprüfung. «Ich muss die Prüfung bestehen» kann Druck erzeugen, liefert aber keine konkrete Handlung. Hilfreicher ist: Heute beantworte ich diese Frage laut. Heute löse ich diesen Fall unter Zeitdruck. Heute trainiere ich einen strukturierten Einstieg. Heute lasse ich mich bei einer Antwort unterbrechen und beginne danach erneut. Heute übe ich, nach einem Blackout zurückzufinden.
Routine ist Kontrolle über den Start
Phelps hatte nicht nur Trainingsziele. Er hatte auch eine Pre-Race-Routine. Von aussen kann sie banal wirken: Kopfhörer, Musik, Stretching, wiederkehrende Bewegungen, Badekappe, Position am Startblock. Doch gerade die Wiederholung gibt dem Körper eine wichtige Information: Ich kenne diesen Moment. Ich weiss, was jetzt kommt. Ich weiss, wie ich beginne. Das ist keine Magie und kein Aberglaube. Eine gute Routine macht nicht von einem Glücksbringer abhängig. Sie schafft Kontrolle über das, was tatsächlich in der eigenen Macht liegt. Nicht über die Gegner. Nicht über das Publikum. Nicht über die Bedeutung des Finals. Nicht über das Ergebnis. Aber über den Start. Über den Atem. Über den Körper. Über die Aufmerksamkeit. Über die erste Handlung.
Peking 2008: Praktisch blind im Olympiafinal
Das stärkste Bild der Folge kommt aus Peking 2008. 200 Meter Schmetterling. Michael Phelps springt ins Wasser. Seine Schwimmbrille beginnt sich mit Wasser zu füllen. Er kann die Linien am Beckenboden kaum noch sehen. Die Wand ist nicht mehr zuverlässig sichtbar. Auch die Gegner verschwinden aus seinem Blickfeld. Im Olympiafinal, auf der grössten Bühne, schwimmt er praktisch blind.
Was rettet ihn? Kein neuer grosser Gedanke. Keine spontane Genialität. Keine kurzfristig erfundene Technik. Phelps greift auf etwas zurück, das sein Körper kennt. Er zählt seine Züge. Er weiss ungefähr, wie viele Züge er für eine Bahn benötigt. Er vertraut auf Wiederholung, Körperwissen und Vorbereitung. Zug um Zug. Wand. Zug um Zug. Anschlag. Gold. Weltrekord.
Wenn Juristinnen und Juristen die Sicht verlieren
Auch in der Anwaltsprüfung oder im Gerichtssaal kann die Sicht wegfallen. Nicht buchstäblich. Aber praktisch. Der Kopf wird leer. Die Stimme wird schneller. Die Prüfungskommission stellt eine Frage, mit der man nicht gerechnet hat. Das Gericht unterbricht das Plädoyer. Die Staatsanwaltschaft bringt einen unerwarteten Punkt. Eine Zeugin antwortet anders als erwartet. Die beschuldigte Person sagt etwas anderes, als zuvor besprochen wurde. Der rote Faden reisst. Der Raum fühlt sich plötzlich enger an. Das ist der Moment mit der Schwimmbrille. Die entscheidende Frage lautet dann nicht, ob jemand besonders intelligent ist. Die Frage lautet: Gibt es einen vertrauten nächsten Schritt? Oder besteht die Hoffnung, unter maximalem Druck spontan genial zu werden?
Der nächste Zug, der nächste Satz
Phelps zeigt, dass in entscheidenden Momenten häufig nicht das Grosse rettet, sondern das Kleine. Der nächste Zug. Der nächste Atemzug. Der nächste Satz. Die nächste Frage. Die nächste Pause. Der nächste Punkt der Struktur.
Für die mündliche Anwaltsprüfung bedeutet das nicht: Ich muss diese Prüfung jetzt bestehen. Sondern: Ich höre die Frage vollständig. Ich atme. Ich ordne das Rechtsgebiet ein. Ich nenne die Voraussetzungen. Ich beginne mit dem ersten Punkt.
Für die Gerichtsverhandlung bedeutet es nicht: Für meinen Mandanten geht es um alles. Auch wenn das stimmen kann. Hilfreicher ist: Ich spüre meine Füsse. Ich atme aus. Ich nehme die Unterbrechung auf. Ich prüfe, worauf sie zielt. Ich kehre zur vorbereiteten Struktur zurück. Ich sage den nächsten Satz.
Eine Notfallroutine, wenn die Sicht wegfällt
Aus dem Phelps-Beispiel lässt sich eine kurze Routine ableiten:
- Stoppen: Nicht sofort hektisch weiterreden.
- Ausatmen: Den Körper aus der Beschleunigung holen.
- Aufgabe benennen: Was wurde konkret gefragt?
- Struktur finden: Zu welchem Oberbegriff gehört die Frage?
- Ersten Schritt ausführen: Mit dem ersten sicheren Punkt beginnen.
Diese Routine muss nicht erst im Ernstfall entstehen. Sie kann vorher trainiert werden.
Den Verlust der Sicht trainieren
Phelps konnte seine Züge zählen, weil er seine Bahnen und seinen Körper kannte. Auch Juristinnen und Juristen können schwierige Momente simulieren:
- eine Antwort ohne Vorwarnung unterbrechen lassen
- nach einer Unterbrechung zum letzten sicheren Punkt zurückkehren
- eine kritische Nachfrage einbauen lassen
- einen unbekannten Sachverhalt unter Zeitdruck strukturieren
- nach einigen Sekunden Stille wieder beginnen
- ein Plädoyer ohne vollständig ausformulierten Text halten
- den ersten Satz mehrmals laut sprechen
- eine unerwartete Reaktion der beschuldigten Person simulieren
- bewusst langsamer weiterreden, wenn der Puls steigt
Das Ziel ist nicht, jede spätere Situation vorherzusehen. Das Ziel ist, einen Weg zurück zu kennen.
Nicht aus Panik alles umwerfen
Unter Druck entsteht häufig der Impuls, die vorbereitete Struktur zu verlassen. Man spricht schneller. Man fügt neue Argumente ein. Man reagiert auf jeden Blick. Man beantwortet den Ton statt die Frage. Man versucht, gleichzeitig alles zu retten. Phelps macht im entscheidenden Moment das Gegenteil. Er erfindet keinen neuen Schwimmstil. Er hält sich an das, was sein Körper kennt. Für Juristinnen und Juristen kann das bedeuten: Die sorgfältig durchdachte Struktur nicht aus Panik verwerfen. Eine Unterbrechung aufnehmen, ohne das gesamte Plädoyer aufzugeben. Eine unklare Frage klären, statt sofort eine möglicherweise falsche Antwort zu produzieren. Den ersten sicheren Punkt setzen, bevor der ganze Fall gleichzeitig gelöst werden soll.
Phelps für Juristinnen und Juristen
Der interessante Phelps-Moment ist nicht die Heldengeschichte eines Menschen mit acht Goldmedaillen bei denselben Olympischen Spielen. Es ist der Mensch mit einem schnellen, unruhigen Kopf, der sich ein System baut. Ein System aus kleinen Schritten. Ein System, das gerade dann trägt, wenn der grosse Moment zu gross wird. Strafverteidigung, Anwaltsprüfung und Gerichtsverhandlungen verlangen nicht nur Wissen. Sie verlangen Abrufbarkeit unter Druck. Es genügt nicht, im Büro zu wissen, was richtig wäre. Man muss im entscheidenden Moment darauf zugreifen können: wenn die Sicht wegfällt, wenn der Raum eng wird, wenn die Unterbrechung kommt, wenn der Puls steigt, wenn der rote Faden reisst. Dann entscheidet nicht der Mythos. Dann entscheidet der nächste Zug.
Kapitel
00:00 Michael Phelps und die kleinen Schritte
02:27 Ziele zerlegen statt nur gross träumen
03:23 Die Pre-Race-Routine am Startblock
04:04 Peking 2008: Praktisch blind zum Weltrekord
05:36 Wenn Juristinnen und Juristen die Sicht verlieren
06:32 Der nächste Zug, Atemzug und Satz
Die Reihe «Matchball-Momente»
Teil 1: Baggio, Shiffrin & Mihambo. Handlungsfähig unter Druck
Die Reihe fragt, wie Spitzensportler und Spitzensportlerinnen in entscheidenden Situationen handlungsfähig bleiben – und was sich davon auf Anwaltsprüfung, Strafverteidigung und Gerichtsverhandlung übertragen lässt.
Links zu dieser Folge
Über Duri Bonin
Duri Bonin ist Rechtsanwalt und Strafverteidiger in Zürich. Er verteidigt beschuldigte Personen in Strafverfahren bei Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichten – in Zürich und schweizweit.
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Hinweis
Diese Folge und die Shownotes dienen der allgemeinen Information und Reflexion über Handlungsfähigkeit unter Druck, Routinen, Anwaltsprüfung, Strafverteidigung und anwaltliche Praxis. Sie stellen keine Rechtsberatung dar und ersetzen weder die Prüfung des konkreten Einzelfalls noch eine medizinische oder psychologische Beratung. Links zu dieser Folge