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Episode Description
Einsatz künstlicher Intelligenz: Deskilling als Gefahr?
Der Kern der Frage ist: Gehen Kompetenzen verloren, wenn man Dinge, die man bisher mit dem eigenen Kopf gemacht hat, einer Maschine überträgt? Einen Ausdruck gibt es dafür bereits: "Deskilling" – das ist das Verlieren von Kompetenzen. Aber wie gut ist das im Fall von KI durch Studien belegt?
Es gibt ja Analogien: Wer selbst einfache Aufgaben mit dem Taschenrechner rechnet, verliert Übung im Kopfrechnen. Wer sich immer nur mit dem Navi von A nach B bewegt, bekommt weniger Gefühl für die räumliche Struktur einer Umgebung. Und so weiter.
Use it or lose it
Ein gängiger Satz in der Fachwelt lautet: "Use it or lose it". Frei übersetzt: Kognitive Fähigkeiten, die man nicht benutzt, gehen verloren. Doch nur weil der Effekt bei Taschenrechnern und Navis bekannt ist, ist das noch kein Beweis dafür, dass das auch für generative KI gilt. Außerdem gibt es viele Arten, KI zu nutzen. Wer mit Hilfe von KI vor allem administrative Routine-Aufgabe erledigt, läuft vermutlich nicht Gefahr, "aus dem Denk-Training" zu kommen
In anderen Fällen ist das nicht so klar: Wenn sich Leute daran gewöhnen, komplexe Texte durch KI zusammenfassen lassen – verlieren sie dann die Fähigkeit, komplexe Texte selbst zu durchdringen? Wenn Leute ihre eigenen Texte nur noch per KI schreiben, verlieren sie dann die Fähigkeit, selbst gute Texte zu fabrizieren?
Harte Daten und Langzeitstudien liegen noch nicht vor
Für all diese Fragen bräuchte es empirische Langzeitstudien. Nun gibt es aber ChatGPT erst seit 2022. Und es hat noch ein bisschen gedauert, bis diese generativen Sprachmodelle wirklich zum Alltagswerkzeug einer breiten Masse wurden. Harte Daten, die zeigen, dass, wer eigene Denkaufgaben an die KI auslagert, auch Kompetenzen verliert, gibt es praktisch nicht.
Man kann sich der Frage aber auch anders nähern. Es ist zum Beispiel gut belegt, dass wir Dinge besser lernen und verstehen, wenn wir sie selbst schreiben oder auch zeichnen oder visualisieren. Dann prägen sich Zusammenhänge besser ein. Das eigene Schreiben hilft, komplexe Sachverhalte zu durchdringen. Und ebenso ist belegt, dass sich Gedanken beim Schreiben selbst nochmal klarer sortieren oder wir sogar auf neue Ideen und Gedanken kommen. Das heißt: Beim Schreiben dokumentieren wir nicht nur, was wir schon wissen, sondern wir produzieren dabei auch neues Wissen und neue Gedanken. Wenn wir das aber der KI überlassen, findet dieser kreative Impuls durch das eigene Schreiben nicht mehr statt. Und das, womit wir uns beschäftigen, bleibt auch weniger gut im Gedächtnis.
Oberflächenwissen versus Tiefenverständnis
Insofern ist die Annahme plausibel: Je mehr wir KI für solche Aufgaben nutzen, desto weniger gut verinnerlichen wir Zusammenhänge. Das geht auf Kosten "des Tiefenverständnisses".
Diese Annahmen klingen plausibel, lassen sich aber, wie gesagt, noch nicht durch Langzeitstudien belegen. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine Meta-Meta-Studie niederländischer Forscher aus dem Jahr 2026.
Und selbst wenn es so wäre, wenn die Regel "Use it or lose it" auch für KI gilt, bedeutet eben: Nicht die aktive Nutzung von KI führt dazu, dass ich bestimmte kognitive Fähigkeiten verliere, sondern es ist nur die Nicht-Nutzung meines eigenen Kopfes. Das ist ein kleiner, aber feiner Unterschied.
Wichtig ist auch der Unterschied zwischen spezifischen und allgemeinen Kompetenzen. Noch mal das Beispiel mit dem Navi: Ja, die Nutzung von Navigationsgeräten führt dazu, dass wir die räumliche Struktur einer Gegend weniger gut verinnerlichen. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass wir das grundsätzlich nicht mehr könnten, wenn es darauf ankäme.
Und so ist es bei KI auch: Es kann sein, dass ich Inhalte weniger gut verinnerliche, wenn ich KI genutzt habe. Doch das bedeutet nicht zwangsläufig, dass ich grundsätzlich nicht mehr in der Lage wäre, z.B. komplexe Zusammenhänge zu durchdringen. Das könnte aber ein Langzeiteffekt sein. Wir wissen es nicht, da es nicht gut untersucht ist.
Deskilling – ein normaler Prozess im Lauf der Zivilisation?
Die Frage ist auch: Wäre das denn überhaupt so schlimm? Oder ist das nicht einfach der Gang der Zivilisation: Neue Techniken führen zu einem Deskilling, zu einem Verlust bestimmte Fähigkeiten, die nicht mehr so wichtig sind.
Menschen neigen dazu, sich zu sehr auf KI zu verlassen
Darauf gibt es vermutlich keine einfache Antwort, zumal sie davon abhängt, was man unter "schlimm" versteht. Doch eine Gefahr, die im Zusammenhang mit KI diskutiert wird, ist die Sorge, dass kritisches Denken verloren geht. Denn erstens: Je weniger tief ich Zusammenhänge durchdringe, desto weniger hinterfrage ich, wie fundiert bestimmte Behauptungen sind. Und desto weniger fallen mir vielleicht auch Ungereimtheiten auf. Und ein weiterer Effekt: Menschen neigen dazu, Dinge, die ihnen eine Maschine sagt, für besonders relevant und vertrauenswürdig zu halten und eben nicht mehr zu hinterfragen. Dieser Effekt nennt sich Automation Bias und könnte auch dazu führen, dass wir unkritischer werden, wenn wir uns auf KI verlassen.
Das kennen wir aus dem Alltag: Obwohl bekannt ist, dass KI teilweise Informationen und Quellen erfindet und auch oft nicht gut zwischen wichtig und unwichtig unterscheidet, kennen wir vermutlich alle Menschen, die in einem Gespräch mal schnell schauen, was die KI zum jeweiligen Thema sagt, als ob das ein besonderes Gewicht hätte.
KI verführt dazu, es sich kognitiv bequem zu machen
Auch das bedeutet nicht, dass KI generell unkritisch macht. Aber sie verführt mindestens im Einzelfall dazu, es sich kognitiv bequem zu machen und der Maschine zu vertrauen.
Weitere Quellen